: Berlin tut gut bei Bundeswehr
■ Berlin begrüßt den 50.000sten Kriegsdienstflüchtling / Großer Empfang für den Totalverweigerer / Umzug im „Papa-Mobil“ / Gedenken auch an die von den Nationalsozialisten ermordeten KriegsgegnerInnen
Berlin (taz) - Bahnhof Zoo, Gleis vier, 10 Uhr 49: Es fährt ein der Schnellzug aus Hannover. Auf dem Bahnsteig wartet ein Bläser-Ensemble - Berlin begrüßt den 50.000sten Kriegsdienst-Flüchtling. Heiko Streck, verurteilter Totalverweiger aus Hamburg, ist angesichts des Beinahe -Staatsempfangs sichtlich gerührt. Blumensträuße werden überreicht, der rote Teppich entrollt und - wie bei wichtigen Empfängen üblich - Begrüßungsreden gehalten. Hunderte jubelnde Berliner schwenken in der Bahnhofshalle Fähnchen.
Im Namen der Initiatoren, dem Berliner „Büros für ungewöhnliche Maßnahmen“, der Internationalen KriegsdienstgegnerInnen und der Kirchentags-Kampagne 89, hält Schirmherr Helmut Gollwitzer die Laudatio: „Wir begrüßen dich und freuen uns, daß die Zahl deiner Kategorie immer größer wird.“ Robert Jungk, Gegenwarts- und Zukunftsforscher, lobt, „daß du ein Mensch bleiben und nicht ein waffentragendes Monstrum werden wolltest“. Mit dem 29jährigen Geschichtsstudenten sei ein „richtiger Christ“ zum derzeit in Berlin laufenden Kirchentag angereist.
„Berlin tut gut“, erklärt Heiko Streck beim Betreten der „entmilitarisierten Stadt“. In Hamburg war er zu einer 10monatigen Freiheitsstrafe verurteilt worden, weil er am 1.Oktober 1986 seinen Zivildienst verweigert hat. Wie für viele andere ist der Zivildienst für ihn „bereits in Friedenszeiten ein tragender Bestandteil in der strategischen Kriegsplanung“. Eine Haltung, die bei westdeutschen Gerichten nicht anerkannt wird. Das Urteil des hanseatischen Oberlandesgerichtes ist rechtskräftig und der Strafantritt hätte unmittelbar bevorgestanden.
„Kriegsdienst verweigern - damals wie heute“ machten sich die Organisatoren zum Motto der „Kirchentags-Kampagene 89“, in deren Mittelpunkt gestern die Begrüßung stand. Erinnert wurde aber auch an die Kriegsdienstverweigerer, die nach 1936 unter der Herrschaft der Nationalsozialisten für ihre pazifistische Gesinnung ermordet wurden. Die höchste Instanz der Militärjustiz im Dritten Reich befand sich im Berliner Bezirk Charlottenburg, im heutigen Kammergericht an der Witzlebenstraße. Zum Gedenken an die über 500 Todesurteile, die in diesem Gebäude vom Reichskriegsgericht allein gegen Kriegsdienstverweigerer gefällt und vollstreckt wurden, enthüllten die Organisatoren zum Abschluß der Bergüßungsfeierlichkeiten eine Gedenktafel. Vom Bahnhof Zoo waren die jubelnden Berliner mit einem Konvoi vor das Kammergericht gezogen, angeführt von einer Motorradstaffel. Der Ehrengast durfte im „ersten Berliner Papa-Mobil für alternative Staatsempfänge“ Platz nehmen.
Wolfgang Gast
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