Berlin Alexanderplatz: Weltliteratur neben Wintermänteln
Die Verlängerung fürs Warenhaus Galeria bis 2027 verschafft der Zentral- und Landesbibliothek mehr Zeit für ihre Umzugspläne an den Alex.
Manchmal entscheidet sich die Zukunft eines Ortes nicht mit einem großen Knall, sondern mit einer Verlängerung. Am Alexanderplatz zum Beispiel: Hier wurde am Mittwoch bekannt, dass das Kaufhaus Galeria etwas länger bleiben darf. Bis Ende März 2027 läuft die sogenannte Nutzungsvereinbarung nun weiter. Für die rund 350 Beschäftigten heißt das erst einmal: durchatmen. Für die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) bedeutet es noch etwas anderes: mehr Zeit für einen großen Wurf.
Denn mit der Verlängerung gewinnt die Idee Raum, die Bibliothek an den Alex zu holen. Seit Ewigkeiten wird in Berlin über den Umzug der ZLB phantasiert, gerechnet, verworfen, neu gedacht. Der Plan jetzt: eine Mischnutzung. Ein – womöglich geschrumpftes – Warenhaus unter einem Dach mit einer großen Bibliothek.
„Sowohl Galeria als auch wir finden, dass sich ein Warenhaus und eine Bibliothek an diesem Ort gut vertragen würden“, sagt Milena Jovanović, Pressesprecherin der ZLB. „Wir würden sogar voneinander profitieren.“ Zwischen Rolltreppe und Lesesaal, zwischen Wintermantel und Weltliteratur? „Na ja“, lacht Jovanović, „etwas abgegrenzter würde das Ganze wahrscheinlich schon werden.“
Für die ZLB wäre es mehr als nur ein Umzug. Es wäre das Ende eines Dauerprovisoriums. Seit Jahren ist sie verteilt auf mehrere Standorte: das Haus am Blücherplatz, das in der Breiten Straße, dazu das Außenmagazin am Westhafen. Die Gebäude sind in die Jahre gekommen, platzen aus allen Nähten.
Die Idee, die ZLB neu zu verorten, ist nicht neu. Zuletzt waren die Galeries Lafayette in der Friedrichstraße im Gespräch. Am Ende scheiterte das Projekt, nicht zuletzt am Geld.
Wie zahlt man die Miete?
Und auch am Alexanderplatz sind die finanziellen Hürden nicht einfach verschwunden. Die Frage ist: Wie zahlt man die Miete? Wie lässt sich ein solches Projekt nachhaltig stemmen? Beim Senat laufen die Verhandlungen. Federführend ist Sarah Wedl-Wilson, Senatorin für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Auch Franziska Giffey, Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, wirbt für den Standort. Man spürt: Hier geht es nicht nur um Geld. Es geht auch um eine Richtungsentscheidung in einer Stadt, in der nichtkommerzielle Räume für Bildung, Kultur und Austausch immer knapper werden.
Denn der Alexanderplatz ist derzeit vor allem disparat. Touristenmagnet mit Fernsehturm und Weltzeituhr, Umsteigeknoten, Konsummeile – und auch seit Jahren ein Ort, an dem viel Elend und Kriminalität stattfindet. Es ist ein zugiger Ort, wo die meisten Berliner*innen eher ungern verweilen.
Eine große Bibliothek, die den Platz einbindet, ein offenes Wohnzimmer für die Stadtgesellschaft: Das könnte den Alex verändern. Aber noch ist es Zukunftsmusik. Zunächst einmal bleibt die Galeria etwas länger. Und die Bibliothek hat erstmal nur für eines mehr Raum: zum Weiterkämpfen.
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