Bergsteigerdorf Johnsbach im Gesäuse: Blauer Himmel? Nicht bei uns

Im österreichischen Nationalpark Gesäuse setzt man nicht auf schönes Wetter, sondern auf die schroffe Schönheit der Berge – und den Glanz der Sterne.

Eine Landschaftsaufnahme aus den Alpen

Großer Ödstein im Gesäuse-Nationalpark bei Johnsbach Foto: Günter Flegar/Westend61/imago

Johnsbach im Gesäuse hat viele Hochs und Tiefs erlebt. Das Aufkommen des Alpinismus vor 140 Jahren. Den Ansturm der „jungen Wilden“ aus Wien und Graz in der Zeit zwischen den Weltkriegen, als es als heldenhaft galt, sich so mit den Naturgewalten zu messen, dass es nur zwei Ausgänge geben konnte: Sieg oder Untergang. Den Kampf um den Nationalpark Ende der 1990er Jahre, den die Geg­ne­r:in­nen zum Streit „Kultur gegen verwilderte Natur“ stilisierten. Heute sind es die Coronapandemie und ihre Folgen, die das Dorf mit seinen 150 Ein­woh­ne­r:in­nen beschäftigen.

Einerseits hat der Drang, sich zu bewegen und dabei möglichst viel Platz zwischen sich und andere zu bringen, dazu geführt, dass mehr Menschen in die Natur flüchten. Andererseits sind darunter auch immer wieder Städter:innen, die nicht nur ihre leeren Flaschen und Plastiktüten an den Stationen der Themenwege oder im Geschiebe des Johnsbaches hinterlassen. Sie stellen auch das sonst meist so gute Miteinander von Dorf­be­woh­ne­r:in­nen und Gästen in Fragen.

„Einige glauben, dass Coronaregeln hier nicht gelten“, sagt Ludwig Wolf. Der mächtige Mann mit den buschigen Augenbrauen und der kleinen Lücke zwischen den Schneidezähnen – Altbürgermeister des Dorfs, das 2015 in der Gemeinde Admont aufging – betreibt einen von drei Gasthöfen im Nabel des Nationalparks.

Auch sein „Kölblwirt“ musste zeitweise schließen, Mitarbeitende gingen in Kurzarbeit. Erst in diesem Sommer ist das Geschäft wieder einigermaßen angelaufen. Zugleich muss Wolf mitansehen, wie sein Nachbar, „ein Zweimetermann, hoch wie breit“ seit Monaten mit Covid-19 im Krankenhaus dahinschwindet. „Und da wollen die Leute, die mal auf einen Tagesausflug hier hinkommen, ohne irgendwelche Tests oder Impfungen einfach zu uns rein und machen Ärger, wenn wir das nicht wollen“, sagt er.

Info Nationalpark Gesäuse und Anreise

Der Nationalpark Gesäuse in der Steiermark wurde 2002 gegründet und ist damit der jüngste der 6 österreichischen Schutzgebiete dieser Kategorie. Sein Ziel ist die freie Entwicklung der Natur, um die Biodiversität zu schützen und voranzubringen – nirgends in Österreich gibt es so viele endemische Arten. Zu den Aufgaben des Nationalparks gehört aber auch, die Natur außerhalb der strengstgeschützten Kernzone erlebbar zu machen, dafür gibt es – im Winter mit Schneeschuhen oder Tourenschuhen begehbare – Wanderwege, Rafting und Klettertouren. Umweltbildung vermitteln niedrigschwellig (und teils barrierefrei) Themenwege, aber auch die 3 Besucherzentren – vor allem das Outdoorerlebniszentrum Weidendom an der Abzweigung nach Johnsbach -, Seminarangebote und offene Touren mit Ranger:innen. Das aktuelle Programm gibt es hier.

Für die Anreise aus Deutschland bietet sich vor allem aus nördlicheren Orten einer der Nachtzüge der ÖBB nach Wien an, von wo aus wiederum an Wochenenden und Feiertagen Züge über die Westbahnstrecke direkt durchs Gesäuse fahren. An anderen Tagen lohnt sich auch der Ausstieg in Ardning, Kleinreifling, Weißenbach/St. Gallen oder Liezen, von wo aus Regionalbusse in den Nationalpark fahren. Noch bequemer ist ab diesen Bahnhöfen das vorbestellbare Gesäuse-Sammeltaxi (+43(0)3613 21000 99), das auch sanfte Mobilität im Nationalpark erlaubt.

Am dünnsten besiedeltes Gebiet im Land

Solche Gäste nerven, und wenn sie abspringen, stört es ihn nicht besonders, sagt Wolf. Ohnehin entsprechen die anspruchsvollen Ta­ges­aus­flüg­le­r:in­nen nicht der Form von Tourismus, die er sich für das Bergsteigerdorf im jüngsten Nationalpark Österreichs wünscht. Mit einer Katasterfläche von fast 100 Quadratkilometern ist es das am dünnsten besiedelte Gebiet im ganzen Land – und macht mehr als die Hälfte der Nationalparkfläche aus. Das Dorf erstreckt sich vom tiefsten Punkt zwischen den Gebirgsmassiven der Hochtorkette und der Reichensteinkette, der Hartelsgrabenbrücke über die Enns auf 521 Metern, bis zum höchsten Gipfel, dem 2.369 Meter hohen Hochtor. „Hohe Reliefenergie“ nennen Geo­lo­g:in­nen diese schroffen Höhenunterschiede zwischen Berg und Tal. Zwischen den immer wieder beinahe senkrechten Kletterwänden ziehen sich steinige Wanderwege, teils an schäumenden Wildbächen entlang, immer wieder durch Geschiebe, das die eiszeitlichen Gletscher hinterlassen, und Geröll, das Lawinen oder die Bäche mit abwärtsgerissen haben. Es ist eine wilde, ursprünglich anmutende Gegend.

Wolf habe „damals sehr für den Nationalpark gekämpft“, sagt Andi Hollinger, der das selbst nicht miterlebt hat. Aber als heutiger Leiter der Kommunikation ist er natürlich firm in der Geschichte des Schutzgebiets und kennt nicht nur die Berichte, sondern ist auch in regelmäßigem Kontakt mit den Kooperationspartnern. Nach ersten Anläufen Ende der 1950er Jahre wurde der Nationalpark 2002 endgültig umgesetzt, als letztes der sechs österreichischen Schutzgebiete dieser höchsten Kategorie, 2008 bekam die damals noch eigenständige Gemeinde als eine der ersten den Titel „Bergsteigerdorf“.

35 Dörfer in Österreich, der Schweiz, Slowenien, Italien und Südtirol umfasst die Bergsteigerdorf-Initiative derzeit. Getragen wird sie von den Alpenvereinen dieser Länder. Die Idee war und ist, die sogenannte Alpenkonvention fassbar zu machen, jenen völkerrechtlichen Vertrag der acht Alpenstaaten, der die nachhaltige Entwicklung im höchsten innereuropäischen Gebirges voranbringen soll. Weil man sich in zu vielen Dörfern seit den Anfangsjahren des Alpintourismus immer stärker dem Wintertourismus verschrieben hatte, sind vielerorts die Hänge planiert und entwässert, Speicherseen in den Berg gesprengt, Seilbahnen und Hotels gebaut worden. Zugleich blieb dabei die ansässige Bevölkerung auf der Strecke, wurde in einen „Erschließungs-Kapital-Kreisel“ hineingesogen, wie es Wolf nennt. Um die Marke Bergsteigerdorf können sich nur Orte mit alpinistisch besonders interessanen Gebieten bewerben, die eine sanftere Entwicklung genommen haben und eine Bevölkerung aufweisen, die nicht nur bereit ist, sich für einen nachhaltigen Tourismus zu engagieren, sondern auch etwa die Berglandwirtschaft entsprechend auszurichten.

Im Gasthaus rennt der Schmäh

In Johnsbach vermischen sich in guten Zeiten Einheimische und Gäste in den drei Gasthöfen, essen und trinken zusammen, und dann „rennt der Schmäh“, wie man hier sagt. Man trifft Bekannte, Menschen, die man bei früheren Touren kennengelernt, mit denen man schon zusammengesessen hat, oder auch einfach Menschen, mit denen man zunächst nur die Begeisterung für das Gesäuse teilt.

Na­tur­fo­to­gra­f:in­nen und Ster­ne­gu­cke­r:in­nen beispielsweise. Denn Johnsbach ist ganz offiziell der dunkelste Ort in Österreich – und die nicht vorhandene Lichtverschmutzung ist nicht nur gut für nachtaktive Insekten und Zugvögel. Sie bedeutet auch, dass nachts bei klarem Himmel so viel Sterne zu sehen sind wie kaum irgendwo anders. Allerdings braucht es dafür auch ein wenig Glück. Denn richtiges Gesäusewetter kommt eher bedeckt daher, weshalb selbst auf den Werbeprospekten des Nationalparks statt blauem Himmel spektakuläre Wolkenformationen zu sehen sind, die dem schroffen Zickzack der Gipfel einen sich ständig wandelnden Rahmen geben.

Ohnehin ist die Hauptattraktion des Bergsteigerdorfes sein Netz an Kletterrouten. Denn obwohl es durchaus zahme, wenn auch selten ganz anspruchslose Wege gibt, ist doch der größte Teil Berg­stei­ge­r:in­nen vorbehalten, die Alpinerfahrung mitbringen. Nicht umsonst gilt das Gesäuse als die „Universität des Kletterns“.

Was Neue deshalb nicht versäumen dürfen, ist ein Besuch des Johnsbacher Friedhofs. Dort erzählen die Aufschriften auf den Grabsteinen einen besonderen Teil der Geschichte – nicht nur des Dorfs, sondern auch des Alpinismus. Es genügt, sich die Kreuze genauer anzuschauen, um zu ahnen, wie grimmig die Hochtor Nordwand, die Rosskuppenkante, das Reichensteiner Totenköpfl sein können. Dort liest man, dass Franz Mudra, den die Plakette auf einem Kreuz mit ernstem Blick in Uniform zeigt, 1938 mit gerade mal 22 Jahren am Peterschartenkopf abstürzte. Oder was Fritz Schmids Eltern ihrem Sohn auf den Stein schrieben: „Es gibt viele Wege zu Gott. Seiner führte über die Berge.“ Schmid erfror „am 2. Juni 1936 nach einem elementaren Wettersturz am Ödstein“. 524 Tote verzeichnet die Gemeindestatistik, die bis 2014 reicht, jüngere Fälle sind noch nicht erfasst. 83 der Verunglückten sind hier begraben, 49 Gräber noch erhalten.

„Man kann das Gesäuse leicht unterschätzen“, sagt Wolf. Aber mit der richtigen Einstellung sei es der schönste Ort der Welt.

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