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„Bei sexuellen Inhalten herrscht ein Doppelstandard“

Die Figuren im Game „Sims 4“ haben Sex. Zu sehen ist das vom Duschdampf verdeckt oder unter der Decke allerdings nicht. Der Programmierer Turbodriver hat das mit seiner Mod, einer Spielerweiterung, geändert. Dank ihm können die Sims außerdem menstruieren – und abtreiben

Sprengt die Grenzen des Zeigbaren für Electronic Arts: ein nackter Hintern Foto: screenshot: TURBODRIVER

Interview Alexandra Hilpert

taz: Turbodriver, wie kamst du dazu, eine Sex-Mod für „Die Sims 4“ zu programmieren?

Turbodriver: Die „Sims“-Reihe ist eine Lebenssimulation. Da Sex zum Leben dazugehört, liegt es nahe, entsprechende Inhalte zu machen.

taz: Wie viele Menschen nutzen deine Mod?

Turbodriver: Im Schnitt 400.000 Menschen am Tag. So häufig wird jedenfalls mein Server angepingt, weil jemand das Spiel startet und die Mod installiert hat.

taz: Das ist ziemlich viel. 2024 hat der Hersteller Electronic Arts angegeben, dass „Die Sims 4“ 80 Millionen Spie­le­r:in­nen hat – von denen aber nur ein Bruchteil täglich spielt.

Turbodriver: Ich kann es selbst kaum glauben. Aber es kommt schon hin. Meine Mod können auch Spie­le­r:in­nen installieren, die mit gebrannten Versionen spielen. Und das werden einige sein, denn die Erweiterungspacks sind sehr teuer. Das kann sich nicht jeder leisten.

taz: Deine Mod kann man sich kostenlos herunterladen. Warum? Du würdest mit einer Paywall bestimmt mehr verdienen.

Turbodriver: Das denke ich nicht – im Gegenteil. In der Modding-Community besteht ein sozialer Druck, Inhalte für alle zugänglich zu machen. Das schafft Respekt und Vertrauen. Gerade wenn es um sexuelle Bedürfnisse geht, die Menschen mit der Mod ausleben, möchte ich mir nicht vorwerfen lassen, ich würde aus diesen Bedürfnissen Profit schlagen. Eine Paywall würde mich vermutlich viele Un­ter­stüt­ze­r:in­nen kosten.

taz: Außerdem würde das dem Hersteller nicht gefallen, oder?

Turbodriver: Genau. Modding ist eine rechtliche Grauzone. Electronic Arts hat nichts dagegen, aber nur solange die Mods kostenlos verfügbar bleiben.

taz: Menschen können dich aber über die Plattform Patreon freiwillig unterstützen. Wie viel verdienst du?

Turbodriver: Bei Patreon habe ich aktuell 15.800 zahlende Mitglieder. Ich sage lieber nicht, wie viel ich genau verdiene. Aber wenn man davon ausgeht, dass alle meinen Standardbeitrag von 4,50 Euro pro Monat zahlen, verdiene ich netto um die 60.000 Euro im Monat.

taz: Und möchtest du nicht die Lorbeeren einheimsen? Warum trittst du anonym auf?

Turbodriver: Meine Arbeit zählt als Pornografie und ist damit ein kontroverses Thema. Ich habe Angst vor den Konsequenzen, wenn ich meinen Namen preisgebe. Dass ich mich beruflich schwerer umorientieren kann, wenn ich die Mod eines Tages nicht mehr machen will.

taz: Musst du dich für deine Arbeit rechtfertigen?

Turbodriver: In meinem privaten Umfeld noch nie. Im Netz kriege ich vor allem positives Feedback. Vereinzelt schreit mal jemand einen Hate-Post in die Weite der sozialen Medien hinaus. Aber direkte Kritik bekomme ich selten.

taz: Wenn man „WickedWhims“ herunterladen will, muss man angeben, über 18 Jahre alt zu sein. Aber solche Fenster kann man einfach wegklicken. Weißt du, wie viele Minderjährige deine Mod nutzen?

Turbodriver: Nein, keine Ahnung.

taz: Sollte die Politik härtere Vorgaben bezüglich des Jugendschutzes machen?

Turbodriver: Die sind ja schon in Arbeit. In Großbritannien müssen Plattformen mit expliziten Inhalten seit Mitte 2025 das Alter erfassen. Grundsätzlich finde ich das gut. Aber für mich wird das nicht leicht umzusetzen sein.

taz: Warum?

Turbodriver: Bisher war ich mit meiner Website unabhängig von Drittanbietern. Das wird sich ändern, wenn ich das Alter verifizieren lassen muss. Diese Dritten bekommt dann erstens Daten der Spieler:innen. Und zweitens kostet das Geld. Ich werde mir das leisten können, aber das können nicht alle Selbstständigen. Ich hätte mir gewünscht, dass Großbritannien einen sicheren und kostengünstigen Service zur Verfügung gestellt hätte.

taz: Neben Sex gibt es in deiner Mod auch Abtreibungen, eine sexuell übertragbare Krankheit und Menstruation. Siehst du dich als Aufklärer?

Turbodriver: Nein, nicht absichtlich jedenfalls. Wer eine Lebenssimulation spielt, will, dass diese möglichst realistisch ist. Den Anspruch verfolge ich mit „WickedWhims“. Die Aufklärung ist eine Nebenwirkung. Beim Thema Menstruation erreichen mich bis heute Nachfragen. Am meisten Verwirrung stiftet, dass Sims je nach Zeitpunkt ihres Zyklus unterschiedlich fruchtbar sind. Klar, dass ich mich als Mann einlesen musste, als ich diesen Teil des Mods programmiert habe. Aber ich hätte gedacht, als Frau kennt man sich damit aus.

taz: Siehst du dich als feministischen Aktivisten?

Turbodriver: Ich höre meiner Community zu und versuche ihre Wünsche umzusetzen. Das hat nichts mit Aktivismus zu tun.

taz: Legale Abtreibung als Spieloption zur Verfügung zu stellen, ist heute durchaus eine politische Entscheidung.

Turbodriver: Natürlich ist meine Mod ein Produkt meiner politischen Überzeugungen. Auch feministische Einstellungen prägen meine Arbeit, aber nicht nur. Jeder Bestandteil des Mods ist das Ergebnis individueller Abwägungen.

taz: Sex und Nacktheit in Games sind umstritten. 2025 mussten Spieleplattformen wie itch.io und Steam ihre nicht jugendfreien Inhalte auf Druck von Zahlungsdienstleistern einschränken. Hast du das Gefühl, dass der Widerstand gegen sogenannten Adult Content wächst?

Turbodriver: Nein, im Gegenteil. Spielehersteller werden offener für explizite Inhalte. Ein Beispiel ist „Cyberpunk 2077“, in dem viel Nacktheit zu sehen ist. In der Branche herrscht bei sexuellen Inhalten ein Doppelstandard. Große Spielehersteller können Sexszenen in ihre Spiele einbauen, ohne dass es Konsequenzen hat. Indie-Spiele werden dafür von den Plattformen viel schneller abgestraft, indem sie als Adult-Spiele markiert und weniger Menschen angezeigt werden.

taz: Wie bringst du deine Mod an die Menschen?

Turbodriver: Ich habe „WickedWhims“ auf der Website Loverslab gelauncht. Dort werden viele Modifikationen geteilt, die als Adult Content gelten. Mittlerweile versuche ich aber, mich von dem Forum wegzubewegen.

TURBODRIVER (Eigenschreibung) ist der Urheber der Modifikation „WickedWhims” für „Die Sims 4”. Er kommt aus Polen. Damit sein Name nicht mit der Pornoindustrie assoziiert werden kann, will er anonym bleiben. Das Pseudonym kommt aus der Synthwave-Musikszene.

taz: Warum?

Turbodriver: Ich möchte nicht, dass Menschen Dinge sehen müssen, die sie nicht sehen wollen. Loverslab erlaubt zum Beispiel die Darstellung sexueller Übergriffe, Sodomie und teilweise auch physischer und psychischer Gewalt. Das ist den meisten zu krass.

taz: Sollte ein Forum wie Loverslab überhaupt existieren?

Turbodriver: Ja. Loverslab ist einer der wenigen Orte im Internet, die auf sexuelle Mods spezialisiert sind. Gerade weil sich das Internet auf immer weniger Plattformen zentralisiert, die sexuelle Inhalte jeder Art einschränken, müssen wir solche Foren schützen. Dass mich manche Dinge, die man dort findet, nicht ansprechen, bedeutet nicht, dass sie nicht existieren dürfen. Um eine Plattform zu haben, die mit meinen moralischen Werten stärker auf einer Linie ist, habe ich vor einem Jahr meine Website gelauncht. Dort können auch andere „Sims 4“-Modder:innen ihren Content veröffentlichen.

taz: Machst du den Mod­de­r:in­nen Vorgaben?

Turbodriver: Zumindest habe ich Guidelines. Aber ich finde es schwierig. Wenn es um Sexualität geht, will man einerseits Menschen die Freiheit geben, sich auszudrücken. Andererseits gibt es so viel, was schockieren, fehlleiten oder verletzen kann. Bevor ich die Crea­to­r:in­nen auf meine Plattform einlade, schaue ich deswegen ganz genau: Wie treten sie auf? Wie präsentieren sie ihre Inhalte? Wie ist der Umgangston?

taz: Was planst du als nächstes für „WickedWhims“?

Turbodriver: Eigentlich verrate ich nicht, woran ich arbeite. Dann hat die Community nämlich direkt Erwartungen, die ich vielleicht nicht erfüllen kann. Aber weil ich mit meinem jetzigen Projekt schon sehr weit bin, spoilere ich mal: Ich arbeite an einem neuen Beruf: Camgirl.

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