: Beförderte Kriegsverbrecher
Von unserer Kontext-Redaktion↓
Wie viel ist ein Menschenleben wert? Wenn es sich um einen Afghanen handelt, hält der deutsche Staat 5.000 Euro für angemessen. Der Fall stelle eine Zäsur da, schreibt Emran Feroz, Journalist aus Stuttgart und jüngst als Experte in den „tagesthemen“, über das Kunduz-Bombardement von 2009. Eine magere, regelrecht höhnische Entschädigung erhielten Hinterbliebene der 150 zivilen Opfer, die damals getötet wurden (während die Angehörigen deutscher Soldaten, die im Einsatz gefallen sind, mit 100.000 Euro vertröstet werden sollen). Der Geldtransfer dürfe nicht als Schuldeingeständnis verstanden werden, das war der damaligen Bundesregierung wichtig. Er erfolge rein „aus Gnade“.
Juristische Konsequenzen hatte das Massaker an unschuldigen Frauen und Kindern nicht, obwohl es nachweisbar auf der Grundlage von Falschinformationen herbeigeführt wurde. Der Hauptverantwortliche, Georg Klein, hatte damals noch als Oberst der Bundeswehr „dem amerikanischen Bomberpiloten gemeldet, dass sich NATO-Truppen im Kampf mit dem Feind befinden würden“, wie Feroz in seinem neuen Buch „Der längste Krieg“ zusammenfasst. „Klein behauptete außerdem, dass sich bewaffnete Taliban-Kämpfer um die Tanklaster versammelt hätten.“ Bei beiden Informationen handelte es sich um Falschmeldungen. Doch die Ermittlungen gegen Klein wurden eingestellt und gegen ihn wurde nie ein Verfahren eröffnet – stattdessen wurde der Oberst zum General befördert.
Dieser juristische Skandal, betont Feroz, hat sich auch in Afghanistan herumgesprochen. Zuvor seien die deutschen Truppen, insbesondere im Vergleich zu anderen NATO-Besatzern, sehr beliebt gewesen. Sie wurden als Menschen wahrgenommen, die tatsächlich helfen wollten. Doch dieses Bild wandelte sich durch die Rückendeckung für einen Kriegsverbrecher. „Für die Menschen in Kunduz war die Beförderung Kleins ein Schlag ins Gesicht. Die Hinterbliebenen der Opfer kamen zu dem Schluss, dass man für die Ermordung ihrer Angehörigen im Westen belohnt werde“, bilanziert Feroz, der für seine investigativen Recherchen große Teile Afghanistans bereiste – und sich dabei, im Gegensatz zu vielen KollegInnen, auch ohne den Schutz von Militär und Nichtregierungsorganisationen bewegte, auch in den ländlicheren Regionen, wo der Ruf westlicher Hilfskräfte besonders schlecht ist.
Feroz will Gegenöffentlichkeit schaffen. Bereits 2017 beleuchtete er mit investigativen Recherchen das wahre Ausmaß der zivilen Toten durch Drohnenangriffe – und schon damals betonte er, wie sich Hinterbliebene unschuldiger Opfer häufig radikalisieren und den Taliban anschließen. Ob westliche Kräfte einen Eigenanteil an den katastrophalen Zuständen im zerrütteten Land anerkennen werden? Feroz rechnet eher damit, dass unter Ausblendung der mit verursachten Realitäten eine Selbstbeweihräucherung stattfinden werde – man selbst habe ja stets das beste gewollt und nach Kräften geholfen –, wobei sich die Folgen der fehlgeschlagenen Intervention allein auf die Afghanen abwälzen ließen, nach dem Motto: „Die sind eben so. Das ist nicht unsere Schuld.“
Mit Vorurteilen über Afghanistan wie auch den Orient im Allgemeinen hat Feroz, österreichischer Staatsbürger mit Verwandten im Ausland, schon lange zu kämpfen. Nicht nur, wenn er für einen Fototermin vor der US-amerikanischen Kommandozentrale Africom steht und sich der Sicherheitsdienst wundert, was ein Araber da zu suchen hat.
Diskriminierung kennt er bereits seit der Kindheit. Etwa wenn Klassenkameraden ihm nach den Terroranschlägen vom 11. September – an denen gar keine Afghanen beteiligt waren – auf dem Schulhof in Innsbruck vorhalten, dass „ihr es verdient habt, weggebombt zu werden“ und ihn die Grundschullehrerin ausfragt: „Weißt du, warum die das gemacht haben?“ Die Vorbehalte gegen Fremde aus dem Orient sind 20 Jahre später nicht verschwunden. So musste Kanzlerkandidat Armin Laschet in seiner Reaktion auf den Putsch einer Terrorbande hervorheben, dass sich „2015 nicht wiederholen“ dürfe, ergo: dass die Flüchtlinge gefälligst daheim bleiben sollen. Und in Springers „Welt am Sonntag“, einer als Presseerzeugnis verkleideten Drecksschleuder, betont der werte Herr Chefredakteur, dass den Afghanen, „ob gerecht oder ungerecht“, ein Ruf als Sexualstraftäter vorauseile. Hetze statt Hilfe – manchmal ist die Wirklichkeit zum Heulen.
Emran Feroz hat mit vielen Menschen vor Ort gesprochen: von Ex-Präsident Hamid Karzai über Taliban-Offizielle bis zu betroffenen BürgerInnen, die vor allem unter diesem Krieg leiden. Das Buch „Der längste Krieg – 20 Jahre War on Terror“, 224 Seiten, erschienen im Westend Verlag, ist ab 23. August im Handel.
Der Bonatzbau bröselt
Jetzt ist eingetreten, was viele schon lange erwarten: Das alte Stuttgarter Bahnhofsgebäude, der denkmalgeschützte Bonatzbau, hat ein Loch gekriegt. In der Nacht von Montag auf Dienstag sind Teile der Wand einfach runtergefallen, 15 Meter tief. Das meldeten Passanten, die glücklicherweise nicht direkt drunter standen. Das Loch, etwa drei Meter im Durchmesser, sieht aus wie gemalt: unterhalb des Dachs sind die Muschelkalk-Steine herausgebrochen, anfangs hing noch ein Fenster scheps in den Angeln, jetzt ist es ganz weg.
Grade wird noch die Statik geprüft, der Bahnhof ist abgesperrt. Was aber jetzt schon super-omega-klar ist, also absolut sicher, 100 Prozent und daran ist nichts zu deuteln, nicht mal, wenn die Maus den Faden abbeißt: Dieses Loch in diesem Bau, der seit Jahrzehnten da steht und eigentlich sehr stabil ist, hat rein gar nichts und KEINESFALLS etwas zu tun mit dem Bau des Tiefbahnhofs für Stuttgart 21.
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