Beckstein-Darsteller Borcherding: "Der schlechtgelaunte alte Mann in mir"

Andreas Borcherding spielt und verspottet den bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein beim Starkbieranstich auf dem Münchener Nockherberg.

Der echte Beckstein macht gute Miene zum "bösen" Spiel des falschen. Bild: dpa

Andreas Borcherding kommt direkt aus dem Synchronstudio zum Interviewtermin im Münchner Glockenbachviertel. Zusammen mit sieben Kollegen hat er gerade ein ganzes Theater gespielt: Zuschauer, die klatschen, sich räuspern, vor allem aber lachen, weil vorne auf der Bühne Karl Valentin steht. Nachsynchronisieren ist billiger. Die Szene aus Jo Baiers Film über den Münchner Humoristen wurde aus Kostengründen ohne Ton gedreht.

Andreas Borcherding wurde 1957 in München geboren und begann 1983 seine Schauspielkarriere mit kleinen Engagements an Theatern, 1988 gab er sein TV-Debüt in den Reihen "Löwengrube" und "Der Millionenbauer" beim Bayerischen Rundfunk. Bis heute war und ist er in zahlreichen Fernsehserien zu sehen: darunter "Der Alte" (ZDF), "Soko" (ZDF) und "Tatort" (ARD), aber auch "Tramitz and Friends" (ProSieben) oder "Ritas Welt" (RTL). Sein erster Kinofilm war "Die unendliche Geschichte II", es folgten weitere Rollen in "Kleine Haie" und "Dizzy, lieber Dizzy". Insgesamt spielte Borcherding bisher über 200 Rollen. Nebenbei arbeitet er auch als Synchronsprecher.

Dieses Jahr spielt er zum zweiten Mal Günther Beckstein bei der Starkbierprobe auf dem Nockherberg. Im Mittelpunkt steht das "Derblecken". Der Bayerische Rundfunk zeigt die Starkbierprobe 2008 am 24. Februar um 19 Uhr.

Nicht gerade ein Job, von dem Schauspielerschüler träumen. Bereits seit 25 Jahren arbeitet der 49-Jährige als Synchronschauspieler. Die Bezeichnung "Synchronsprecher" mag er nicht, sprechen könne schließlich jeder. Synchron sei dagegen anspruchsvoll, sagt Borcherding, "und trotz aller Technik muss man noch frei sein, um zu spielen. Das können viele nicht."

Borcherding ist einer von schätzungsweise 180 Schauspielern, die an Deutschlands zweitwichtigstem Synchronstandort um ein paar Sätze konkurrieren. "Rund 100 können mehr oder weniger gut davon leben", sagt Borcherding, der zum Glück nicht darauf allein angewiesen ist, weil er schon seit Ende der 80er regelmäßig in Fernsehserien und -filmen mitspielt. Deshalb nimmt er auch nur solche Synchronjobs an, die ihn nicht allzu lange für lukrativere Angebote blockieren.

Doch seit das Wort "Kostendruck" den Wortschatz der Produktionsfirmen beherrscht und Drehtage gekürzt werden, sind auch die Arbeitsbedingungen beim Fernsehen nicht mehr die allerbesten.

In rund 200 Rollen war Borcherding schon auf dem Bildschirm zu sehen, drei- oder viermal auch im Münchner "Tatort". Einer dieser Auftritte wurde in letzter Minute rausgeschnitten, erinnert sich Borcherding, "weil der Film bei der Abnahme zwei Minuten zu lang war". Er sagt das völlig ungerührt - business as usual. Borcherding kennt die Gesetze des Geschäfts und akzeptiert sie. Empfindlich dürfen Schauspieler nicht sein.

Dass Borcherding am Donnerstag zum zweiten Mal Günther Beckstein spielte, beim Starkbieranstich auf dem Münchener Nockherberg, ist also eine kleine Sensation - oder auch nicht: "Wenn man sich als Schauspieler so lange in dieser Stadt herumtreibt wie ich und dabei von mehreren Menschen zur Kenntnis genommen wird, dann kann es sein, dass man gefragt wird. Und ich wurde gefragt." So einfach ist das für Borcherding.

Der Kult um den Starkbieranstich auf dem Nockherberg und das "Derblecken", wie das traditionelle Verspotten der Landespolitiker auf Bairisch heißt, ist für Preußen ähnlich schwer nachvollziehbar wie für Bayern der Kölner Karneval. So wie der Westdeutsche Rundfunk am Rosenmontag stundenlang Karnevalsumzüge überträgt, räumt der Bayerische Rundfunk für den Nockherberg traditionell sein Programm frei. Am Sonntag also werden der Starkbieranstich, die Festrede und das Singspiel übertragen, in dem Borcherding den Beckstein gibt. Es ist der erste Starkbieranstich unter Beckstein als Ministerpräsidenten - und damit Borcherdings großer Auftritt.

Wie die Themen der Mottowagen auf dem Kölner Rosenmontagszug wird auch der Inhalt des Singspiels bis zur Aufführung wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Er habe sich vertraglich zu Stillschweigen verpflichten müssen, sagt Borcherding. "Ich darf noch nicht mal verraten, ob der Stoiber dabei ist." Also muss man sich bis zum Donnerstagnachmittag, nach dem Singspiel, gedulden. Natürlich sei der Stoiber wieder dabei gewesen, persönlich im Publikum wie auch als Double auf der Bühne, wird Borcherding später erzählen. Nur der Darsteller sei ein anderer gewesen: Franz Kriege hat Michael Lerchenberg ersetzt, der nach 17 Jahren Stoiber im Singspiel in diesem Jahr zum ersten Mal als Festredner den Politikern die Leviten gelesen hat und so der Degradierung zur Nebenfigur entgangen ist.

Sowohl die Festrede als auch das Singspiel seien eine Gratwanderung, die Akteure letztlich Hofnarren: "Wir müssen piksen, dürfen aber nicht allzu sehr wehtun, sonst werden wir den Löwen zum Fraß vorgeworfen."

Nach der Aufführung des diesjährigen Singspiels "Tankstelle Nockherberg" (Regie: Eva Demmelhuber), in dem Borcherding Beckstein als "müden alten Tankstellenpächter" darstellte, freut er sich über die ihm zugetragene Reaktion des Originals: "Es gibt Leute, die sagen, ihm wäre das Lachen im Gesicht gefroren." Ihm gegenüber habe Beckstein hinterher "meine Darstellung seiner Person gelobt" - ohne zu sehr ins Detail zu gehen.

Diese unverbindliche Resonanz kennt Borcherding aus vergangenem Jahr. Auf dem Nockherberg spielt jeder seine Rolle: die Singspieler geben ihren jeweiligen Politiker und die Politiker Menschen mit Humor - egal, ob ihnen wirklich zum Lachen zumute ist oder nicht. "Es gibt nichts Schlimmeres für einen bayerischen Politiker, als humorlos zu reagieren, wenn er auf dem Nockherberg durch den Kakao gezogen wird", sagt Borcherding und gibt zu bedenken, wie wichtig öffentliche Aufmerksamkeit für Politiker ist - auch und gerade auf dem Nockherberg. "Durch den Kakao gezogen zu werden bedeutet: Ich bin wer, ich bedeute was", sagt Borcherding. "Noch schlimmer, als eins in die Fresse zu kriegen, wäre es für einen Politiker, überhaupt nicht vorzukommen."

Wie die versammelten Politiker im Einzelnen auf das Singspiel reagiert haben, konnte Borcherding von der Bühne aus kaum erkennen: Um den typischen verkniffenen Beckstein-Blick hinzubekommen, trug Borcherding zu starke, braun gefärbte Kontaktlinsen. Anders als Stoibers Grimassen und Hampeleien sind Becksteins Eigenheiten schwer darzustellen. Abgesehen von seinen Schweinsäuglein, dem "frrrängischen" Dialekt und den kastenförmigen Vertreteranzügen ist Beckstein ein Mann ohne Eigenschaften. "Ihm liegt das Arbeiten und Verwalten mehr als das Posieren und Repräsentieren", sagt Borcherding. "Seine Vorgänger hat man 'Landesfürsten' genannt - dieses Bild drängt sich bei Beckstein nicht gerade auf."

Ein begnadeter Selbstdarsteller ist auch Borcherding nicht gerade. Dabei hat ein bisschen Eigenlob, ein wenig Aufschneiderei, noch keiner Schauspielerkarriere geschadet. "Das sollen andere machen", winkt Borcherding ab. Er spricht vier Fremdsprachen fließend - nichts Besonderes: "Das fliegt mir zu." Und die vielen Dialekte? Auch nichts Besonderes. "Es heißt doch, dass charakterlose Menschen viele Dialekte beherrschen. Vielleicht stimmt's ja."

Anders als auf den Fotos seiner Agentur, auf denen Borcherding als markiger Typ mit raspelkurzem Haar, Dreitagebart und Lederjacke in Szene gesetzt ist, wirkt Borcherding beim Interviewtermin im Café zurückhaltender. Er trägt einen blauen Wollpulli, Jeans, und längere Haare als auf den Fotos."Die Frisur ist nur wegen Beckstein so", erklärt Borcherding, "damits die Maske leichter hat."

Borcherding hat noch nie CSU gewählt, seine Eltern und Großeltern beschreibt er als "engagierte Sozialdemokraten". Momentan sei ihm "die CSU aber auch nicht viel ferner als die Parteien, die ich schon mal gewählt habe". Borcherding war mal Juso - wenn auch nur kurz. Als Helmut Schmidt Kanzler wurde, hatte er genug: Der Nato-Doppelbeschluss, die Nachrichtensperre 1977 - ohne ihn! Schlüpft er mit seiner Rolle beim Singspiel also in den Körper des Feindes? Borcherding lacht und verneint. "Das Singspiel ist keine Psychologie, sondern eine Comedyveranstaltung", stellt er klar. "Den Beckstein zieh ich mir über wie ein Kostüm und kann ihn auch leicht wieder abstreifen."

"Den schlecht gelaunten alten Mann in mir" wird Borcherding leider nicht so leicht los. Er macht sich immer wieder bemerkbar, wenn seine Kinder "Die Simpsons" gucken und sich der Fernsehnostalgiker nach den Zeiten bayerischer Straßenfeger wie die "Münchner Geschichten", "Kir Royal", und "Der ganz normale Wahnsinn" zurücksehnt. "Geschichten, die mit großer Liebe und anständigem Budget gedreht wurden", sagt Borcherding. "Heutzutage nervt mich Fernsehen. Da frag ich mich manchmal, ob ich in dieser Branche wirklich zu Hause sein will."

Einmal im Jahr stellt Andreas Borcherding seinen Beruf an der Schule seiner Kinder vor und erleidet Jahr für Jahr einen kleinen Schock: "Die kennen so gut wie keine deutsche Fernsehserie." Im vergangenen Jahr habe er einer Schülerin eine Hospitanz beim "Alten" verschafft. "Die wusste nicht, was das ist", ereifert er sich. "Das ist immerhin eine der am längsten laufenden Serien überhaupt."

Eine Serie, in der auch Borcherding regelmäßig auftaucht. Beeindrucken könne er damit zu Hause allerdings niemanden, räumt er ein: "Wenn ich aber in der Mangaserie 'One Piece' eine Rolle spreche, finden mein Sohn und seine Freunde das ganz toll." Manchmal ist die Welt für Borcherding ähnlich rätselhaft wie Stoibers Rhetorik.

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