piwik no script img

Bayerischer Asylantenstadel

München (taz) — Heinrich Hemdinger stapft in Gummistiefeln durch die lehmige Erde seiner niederbayerischen Ländereien. Mit ausgreifender Gestik und mitreißenden Worten erklärt der stämmige Endfünfziger dem Journalistentroß sein Projekt. „Hier“, er deutet auf die endlose Front der flachen Ställe, die bald Flüchtlingsunterkünfte sein sollen, „eine gründliche Reinigung, ein paar Trennwände eingezogen, frisch gestrichen, und fertig ist die Laube.“

Wenn sein spektakulärer Plan Wirklichkeit wird, und daran zweifelt niemand, der „Hemmes“ ungebremsten Tatendrang aus nächster Nähe miterlebt hat, sollen seine Stallungen, die Platz für 8.000 Kälber boten, bis diese im Zuge eines Hormonskandals behördlich geschlossen wurden, in hübsche, bungalowähnliche Reihenunterkünfte für Asylbewerber verwandelt werden.

Der Wohnraum wird dringend benötigt. Der stetig wachsende Strom von Flüchtlingen kann kaum noch kanalisiert werden. Die Durchgangslager platzen aus allen Nähten, Neuankömmlinge werden in Turnhallen, Zeltlagern, sogar in Wohncontainern und Wohnschiffen untergebracht. In Berlin wird bereits die Beschlagnahme leerstehender Wohnungen praktiziert und laut über Wohnraum-Zwangsbewirtschaftung nachgedacht. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis aus dem Bonner Wohnungsbauministerium ein Initiativprogramm zur „Mobilisierung ungenutzten Wohnraums“ vorgestellt wurde. Das Urteil der Bonner Experten: Weil die Zeit dränge, wäre es geradezu fahrlässig, ungenutzte landwirtschaftliche Gebäude nicht schnellstens umzuwidmen. Die Sache hat nur einen Haken: Bis das Bonner Sonderprogramm greift, werden weitere Monate des Wartens vergehen. Deshalb sind rasche, auch unkonventionelle Lösungen gefragt, die diesen leidgeprüften Menschen ohne bürokratische Hemmnisse wieder zu ihren eigenen vier Wänden verhelfen. Denn mit volltönenden Politikerreden von „nationaler Aufgabe“ allein ist Wohnraum nicht zu schaffen.

Ganz anders Hemdinger. Unternehmer alten Schlags, reagierte er sofort auf die alarmierenden Presseberichte und entwickelte spontan seinen ungewöhnlichen Plan, mit dem er einen ganz persönlichen Beitrag zur Linderung der Not leisten will. Sein Credo: „Ich glaube, daß alle Deutschen eine Verpflichtung haben, den Zufluchtssuchenden zu helfen. Ich jedenfalls bin dazu bereit.“

Kritischen Stimmen auf seine Pläne begegnet Hemdinger mit dem Zorn des geborenen Volkstribunen: „Meine Kritiker wenden ein, mein Projekt sei menschenunwürdig. Davon kann jedoch gar keine Rede sein. Der wahre Skandal ist doch, daß über fehlende Unterkünfte lamentiert wird, während Tausende von Quadratmetern Wohnfläche ungenutzt leerstehen. Meine Bungalows sind landschaftlich sehr reizvoll gelegen, und außerdem können die an beengte Lebensformen gewöhnten Menschen aus aller Welt hier behutsam an die Wohnverhältnisse in der Bundesrepublik herangeführt werden.“ Auch den Vorwurf der Ghettobildung will er nicht gelten lassen. Ihn wischt er mit einem Argument vom Tisch, das selbst seine erbittertsten Gegner nachdenklich stimmen sollte: „Diese Menschen brauchen in der für sie ungewohnten, leistungsbetonten Ellbogengesellschaft ein bißchen Stallwärme.“ Und wer könnte die eher bieten als der Kälbermäster Heinrich Hemdinger? Rüdiger Kind

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen