Autor Sergio Ramírez über Nicaragua: „Es herrscht die nackte Angst“

In Nicaragua wird die Luft für Oppositionelle und Künstler immer dünner. Der frühere Vizepräsident und Schriftsteller Sergio Ramírez über das Regime Ortega und sein Exil.

Portrait von Sergio Ramirez

Der nicaraguanische Autor Sergio Ramírez bei der Vorstellung seines neuen Buches in Madrid am 14. 9 Foto: Emilio Naranjo, Efe

taz: Herr Ramírez, Sie mussten jetzt zum zweiten Mal ins Exil gehen. 1977, noch unter der alten, der Somoza-Diktatur mussten Sie schon einmal Nicaragua verlassen. Nun, 42 Jahre nach der sandinistischen Revolution von 1979, hat Sie der Bannstrahl des Ortega-Regimes ereilt. Wie kam es dazu?

Sergio Ramírez: Ich war im Juni aus gesundheitlichen Gründen in den USA. Dann wurden in Nicaragua die Oppositionspolitiker der Reihe nach festgenommen. Als auch Dora María Téllez und Hugo Torres verhaftet wurden, habe ich beschlossen, lieber nicht nach Nicaragua zurückzukehren sondern nach Costa Rica zu gehen. Hier lebe ich jetzt seit Juni.

Politiker und Schriftsteller, 1942 in Masatepe, Nicaragua geboren, lebte in den 1970er Jahren zwei Jahre als DAAD-Stipendiat in Westberlin. 1977 ging er mit einer Gruppe von Intellektuellen ins Exil nach Costa Rica. Er war ein wichtiger Verbündeter der FSLN-Guerilla im Kampf gegen den Diktator Anastasio Somoza. Nach dem Sturz der Diktatur war er von 1979 bis 1985 Mitglied der revolutionären Regierungsjunta, 1985 bis 1990 Vizepräsident von Nicaragua. 1994 trennte er sich mit Dora María Téllez, Hugo Torres und anderen führenden Parteikadern von der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) und gründete die Partei Sandinistische Erneuerungsbewegung (MRS). Die wurde 2008 verboten, Anfang dieses Jahres benannte sie sich in Unamos um. Ramírez zog sich 1996 aus der aktiven Politik zurück und lebte bis zuletzt als Schriftsteller in Managua. 2017 wurde er mit dem Premio Cervantes, dem wichtigsten spanischen Literaturpreis, ausgezeichnet.

Haftbefehl und Durchsuchungsbeschluss hatten Sie also schon kommen sehen?

Mir war klar, dass sie früher oder später auch hinter mir her sein würden. Das Regime nimmt keine Rücksichten mehr, auch die internationale Reputation ist ihnen egal. Sie haben die Vorkandidaten der Opposition für die Präsidentschaftswahl festnehmen lassen, sie pfeifen auf die internationale Anerkennung der Wahlen am 7. November. Obwohl ich mit den Wahlen nichts zu tun habe, werfen sie mir dieselben Verbrechen vor, wie den jetzt inhaftierten Oppositionellen.

Also Vaterlandsverrat nach dem neuen Gesetz 1055?

Richtig. Und auch noch Geldwäsche.

Weil Sie Geld von der Violeta-Barrios-de-Chamorro-Stiftung für Pressefreiheit (FVBCh) angenommen haben?

Genau. Wir haben damit Journalismusseminare finanziert. Das Absurde ist, dass eine Verfolgung nach dem Geldwäschegesetz voraussetzen würde, dass die Gelder illegal erworben wurden. Nur dann kann man sie waschen. Die Stiftung für Pressefreiheit erhielt aber ihre völlig legale Unterstützung aus der EU, aus den USA oder von der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit. Der tatsächliche Grund für den Haftbefehl gegen mich liegt woanders. Es geht um die Veröffentlichung meines neuen Romans, den ich gerade in Spanien, in Madrid, präsentiert habe. Die nicaraguanischen Behörden haben die Lieferung des spanischen Verlags am Zoll blockieren lassen.

Ist dies die erste Bücherzensur seit Sturz der Somoza-Diktatur und sandinistischer Revolution?

Diktator Somoza hat nie ein Buch verboten, soweit ich mich erinnern kann. Als ich vor der Revolution Herausgeber eines Verlags in Costa Rica war, haben wir einmal die Biografie des nicaraguanischen Befreiungshelden Sandino von Neill ­MacAulay, „The Sandino Affair“, übersetzen, drucken und nach Nicaragua schicken lassen. Die Bücher lagen zwei Wochen am Zoll, bis Somoza das Embargo aufheben hat lassen. Eine systematische Bücherzensur gab es nicht.

Besonders effektiv ist die Zensurversuch jetzt wohl auch nicht. Ich habe Ihr Buch in einer digitalen Version gelesen.

Ja, das Buch zirkuliert über die sozialen Medien. Streng genommen ist es ein Akt der Produktpiraterie, gegen die ein Verlag machtlos ist. Ich sehe dies aber als eine Form des Widerstands gegen die Diktatur. Durch die Zensur hat sich die Nachfrage erhöht. In Nicaragua kann man das Buch jetzt am Handy lesen und in Spanien wird bereits die zweite Auflage gedruckt.

Dieser Roman, „Tongolele no sabía bailar“, handelt vom Volksaufstand gegen Ortega im Jahr 2018. Gut nachvollziehbar, dass er Daniel Ortega nicht gefällt.

Er wird das Buch wohl kaum gelesen haben. Irgendein Bürokrat wird ihm gesagt haben, worum es darin geht und daraufhin wurde die Einfuhr verboten. Lustigerweise haben sie vom Verlag am Zoll eine Zusammenfassung des Inhalts verlangt, was schon ziemlich absurd ist. Jetzt behaupten sie, es würden irgendwelche Unterschriften oder Stempel fehlen.

Ich habe in dem Roman viele Szenen gefunden, die sich während der Rebellion ziemlich genau so zutrugen. Zum Teil habe ich das ja vor Ort als Journalist beobachtet. Wie nahe ist Ihre Erzählung am faktischen Geschehen?

Ursprünglich wollte ich ein Reportagebuch schreiben und habe dafür Material gesammelt. Doch ein Roman schien mir geeigneter, um die jüngste blutige Geschichte zu verarbeiten. Was in Nicaragua geschieht, erzähle ich anhand von fiktiven Personen aus der zweiten Reihe, von Polizei und Geheimdiensten. Vieles hat sich wirklich so abgespielt. Etwa die Attacke auf die Kirche zur Barmherzigkeit oder die Brandstiftung in der Matratzenfabrik. Die Ereignisse sind durch Amateurvideos dokumentiert. Genauso, dass Scharfschützen mit ihren Dragunow-Gewehren unbewaffneten Demonstranten in Hals und Kopf schießen.

Stellenweise klingt es grob überzeichnet.

Je unglaublicher die Ereignisse umso authentischer sind sie, leider. Die Wirklichkeit übertrifft die Fantasie. Wie eine Familie mit ihren kleinen Kindern in den Flammen umkommt, wurde auf Video festgehalten. Über den Angriff auf die Kirche legten Dutzende Überlebende Zeugnis ab.

Was mich überrascht hat, war, wie Sie die Rolle von Edén Pastora schildern. Der frühere sandinistische Revolutionsheld und spätere Contra-Führer genoss bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr wieder die Gunst von Daniel Ortega. Er hat die blutige Niederschlagung des Aufstands verteidigt. Ich wusste aber nicht, dass er so direkt beteiligt war, wie in „Tongolele“ geschildert.

Ich nenne ihn nicht Pastora. Aber Silverio Pérez, alias Leónidas, ist nach seinem Vorbild gestaltet. Für den normalen Leser ist es einfach eine Romanfigur. „Tongolele“ hat auch nicht existiert, nur Personen, die ihm ähnlich sind. Pastora hat aber tatsächlich die paramilitärischen Trupps organisiert.

Während der Revolution in den 1980er Jahren war Nicaragua eine Art Mekka für Kulturschaffende. Wie muss man sich das kulturelle Leben im heutigen Nicaragua vorstellen?

Es gibt praktisch keines. Die Regierung investiert nichts in das Kulturschaffen. Es herrscht die nackte Angst. Die Kultur kann aber nur Hand in Hand mit der Freiheit gehen.

Gibt es diese Freiheit für unabhängige Kulturinitiativen denn nicht?

Klar, wenn du eine Ausstellung mit unpolitischen Bildern machst, legt man dir keine Hindernisse in den Weg. Aber wer die Ereignisse vom April 2018 künstlerisch aufarbeiten will, bekäme schnell Besuch von der Polizei. Die hat ja auch das Redaktionsgebäude der einzigen gedruckten Zeitung La Prensa besetzt.

Kann sich so etwas wie der April 2018 wiederholen? Drei Monate lang war das halbe Land im Aufstand gegen das Regime gewesen.

Eine dicke Decke der Angst liegt über dem Land. Viele der Beteiligten von damals sitzen im Gefängnis, Tausende sind ins Exil geflüchtet. Allein seit vergangenem Juni haben 40.000 Menschen in Costa Rica Zuflucht gesucht. Aber eine Diktatur kann sich nicht ewig durch Repression an der Macht halten. Irgendwann explodiert die Sache wieder und die Leute sind auf der Straße.

Die zuletzt gefangenen Oppositionellen sind in U-Haft. Können sie hoffen, nach den „Wahlen“ am 7. November freizukommen?

Ich denke, ein paar weniger wichtige Personen werden freigelassen und die bedeutenderen werden einbehalten. Nicaragua steuert auf das System der Einheitspartei zu. Nicht so wie in Kuba, sondern wie in der DDR, als es Systemparteien gab, die zugelassen waren. Oder ähnlich wie in Putins Russland.

Rechnen Sie mit einem langen Exil?

Ich wäre gerne im Januar wieder zu Hause. Aber für sehr wahrscheinlich halte ich das nicht.

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