Ausstieg aus dem Ausstieg in Schweden: Vattenfall prüft Akw-Neubau
Der schwedische Staatskonzern Vattenfall will zusammen mit einem Industriekonsortium Akw-Neubauten ausloten. Vor einem Neubau müsste aber erst ein Altreaktor abgestellt werden.
STOCKHOLM taz | In Schweden soll womöglich ein neuer Atomreaktor gebaut werden. Am Freitag gaben der staatliche Energiekonzern Vattenfall und ein Industriekonsortium ihre Zusammenarbeit bekannt, um die Energieversorgung neu aufzustellen. Auch ein Reaktorneubau soll "vorbehaltlos" geprüft werden.
Das Industriekonsortium, "Industrikraft AB", ist im Sommer von verschiedenen großen Konzernen stromintensiver Branchen – Papier-, Metall- und Chemieindustrie – gegründet worden. Vattenfall-Chef Lars G. Josefsson erklärte, neben dem Ausbau der Atomkraft käme auch die Stromproduktion aus Biomasse in Frage - je nachdem, was sich besser rechne. Die Vattenfall-Strategie heiße "Making Electricity Clean", sodass Schweden seine klimapolitischen Ziele erreichen könne.
Die rechtlichen Voraussetzungen dafür sind bereits geschaffen. Die konservativ-liberale Regierung in Stockholm hatte im Februar dieses Jahres das Atomausstiegsgesetz gekippt, das 1980 nach einer Volksabstimmung verabschiedet worden war.
Der Ausstieg aus dem Ausstieg wurde mit dem Klimaschutz begründet: Man habe vor drei Jahrzehnten nicht wissen können, welche Probleme der Klimawandel mit sich bringe. Schweden dürfe sich eine Zukunft mit "nahezu CO2-freien" Atomstrom nicht verbauen, wie "problematisch" die Technik auch immer sein möge.
Das Zugeständnis an die Atomkraftgegner: In Schweden sollen nie mehr als die jetzt betriebenen zehn Reaktoren gleichzeitig laufen und nur an bestehenden Standorten darf neu gebaut werden. Vattenfall ist Mehrheitseigentümer an sieben der zehn jetzigen Reaktoren, die ältesten sind 33 und 34 Jahre alt. In spätestens zehn Jahren dürften sie ausgedient haben – und könnten ersetzt werden.
Ein Wahlsieg von Rot-Grün bei den Wahlen im kommenden Jahr könnte Vattenfalls Reaktorpläne allerdings zur Makulatur machen: Linkspartei, Grüne und Sozialdemokraten wollen, dass der Staatskonzern sein Kapital nicht in strahlende Atomkraft, sondern in erneuerbare Energiequellen steckt.
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