Ausstellung „Von Luther zu Twitter“: Die böse alte Angst vor Twitter

Eine Ausstellung zu „Medien und politische Öffentlichkeit“ in Berlin ist sinnlich, inklusiv – und ein schönes Beispiel für liberale „Cancel Culture“.

Historisches Foto einer Radioübertragung von einem Motorrad aus.

Hörfunkübertragung in den 20ern, aus der Ausstellung „Von Luther zu Twitter“ im DHM Berlin Foto: ullstein bild/DHM

Alles Menschliche ist Austausch, ist Politik. Wir können nicht nicht kommunizieren, und wir schaffen es einfach nie, neutral zu bleiben. Und sofort, nachdem wir in Kontakt getreten sind, entstehen auch schon die ersten Missverständnisse: „Am Anfang war das Wort“, zitiert der italienische Schriftsteller Ennio Flaia­no in einem Aphorismus die Bibel, um fortzufahren: „Dann wurde das Wort unverständlich.“

Ein jüngstes Beispiel: Der Papst, heißt es in einem klugen Beitrag zur neuen Enzyklika „Fratelli tutti“ (Brüder alle), möchte „träumen, und zwar von einer neuen Geschwisterlichkeit“. Und schon kommen aber gleich wieder welche daher und nerven und fühlen sich nicht angesprochen, weil es im Titel nur um „fratelli“, um Brüder gehe.

Missverständnisse, gewiss – aber wären die Töchter der Kirche nicht das eine Wort und den einen Buchstaben wert? „Sorelle tutte“, Schwestern alle, wenigstens in Ergänzung der rein männlichen Ansprache? Sind Missverständnisse nicht ursächlich angelegt im fatalen Hang zur Darstellung nur jenes kleinlichen Welt- und Wahrheitsausschnitts, der den Profiteuren des Status quo in den Kram passt?

Aber damit, lernen wir in der Ausstellung „Von Luther zu Twitter. Medien und politische Öffentlichkeit“ im Deutschen Historischen Museum zu Berlin, ist es keineswegs getan. Wir sortieren nämlich nicht nur die Inhalte aus. Noch unsere gran­dio­sesten Erfindungen gleichen wir feige dem Gewohnten an.

Das ist ein Text aus der taz am Wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Das Schriftbild der Gutenbergbibel, von der es ein Exemplar zu Beginn der Schau zu sehen gibt, „sollte den damals in Umlauf befindlichen handschriftlichen Vorlagen möglichst nahekommen, weshalb sich Gutenberg für den Druck in zwei Spalten entschied. Damit die gedruckte Schrift der handgeschriebenen gleichkam, ließ Gutenberg 290 [!] verschiedene Schriftzeichen schneiden, die neben den üblichen Groß- und Kleinbuchstaben auch Ligaturen [Verschmelzung zweier oder mehrerer Buchstaben] und Abkürzungen darstellen konnten“, erklärt kompetent Matthias Miller im Beibuch zur Ausstellung.

Selbst ein Johannes Gutenberg also wagte es nicht, das Neue zu präsentieren, ohne es in das Alte zu verpacken: Das E-Paper ist ein spätes Erbe dieser menschlichen Veranlagung – und auf Papier gedruckte Zeitungen sind unsere Handschriften.

„Von Luther zu Twitter“ ist populär-inklusiv und sinnlich gestaltet. Lange sitzt man im liebevoll rekonstruierten 1960er Fernsehwohnzimmer und schaut fasziniert auf die erste US-TV-Präsidialdebatte, zwischen Kennedy und Trump, nein, Nixon natürlich.

Etwas angeekelt folgt man der Darstellung des Flugblattkriegs zwischen dem vulgären, übelst-polemischen Luther und den Katholiken; und wer sich fragt, warum der Antisemit aus Wittenberg den Päpstlichen so überlegen war, der wird vielleicht weniger in seiner radikalen Desinformationskampagne fündig als vielmehr in der totalen moralischen Abgewirtschaftetheit seiner Gegner: „Die Lügen der Elite“, sagt ein US-Politologe in einem aktuellen DLF-Feature, „sind wirkungsvoller als alle Trolle.“

Ekliger als Luther

Noch ekliger als Luther wird es dann im nächsten Raum. Vom Nazigeplärre immerhin darf man sich mit der sonor-strengen Stimme von Thomas Mann erholen, der seine wieder einmal dem Gemeinschaftswahn verfallenen Deutschen ermahnt. Alles ist hier interessant, alles ist Politik – auch und gerade das, was nicht gezeigt wird.

Denn warum einen gelungenen Raum den Revolutionären von 1848 gönnen und keinen den französischen Enzyklopädisten, den großen Popularisierern und Weltenträtselern? Und wieso ist die Etablierung des Raubdrucks seitens unserer lieben 68er keine Erwähnung wert, durch den die revolutionsbereite Öffentlichkeit mit Werken von Wilhelm Reich bis Rosa Luxemburg agitiert wurde?

Weil, lautet eine Antwort, wir uns in „Von Luther zu Twitter“ nicht in einer kritischen, sondern in einer staatstragend-liberalen Veranstaltung befinden. Zwar gäbe es Liberale gar nicht ohne die Encyclopédie Diderots und d’Alemberts – weil es ohne sie keine Französische Revolution gegeben hätte. Aber dieser Epochenbruch brachte halt auch einen guillotinierenden Massenmord mit sich, und Liberale wollen Service am Tisch, aber nicht so gern die volle Rechnung bezahlen.

Und 68? Vergessen wir nicht: 68 war eine linksradikale Revolte gegen unsere super liberal-kapitalistische Demokratie, nicht für sie. Und so fehlt in der Schau etwa auch, was über „Medien und politische Öffentlichkeit“ aus den deutschen Räterevolutionen 1918/19 zu lernen wäre. Wer nicht für uns ist, sagen die Liberalen, ist gar nicht so sehr gegen uns: Es gibt ihn einfach nicht, wir verstehen das nicht! Womit wir beim eigentlichen Hauptteil sind, bei der Gegenwart und ihren Auseinandersetzungen, bei Twitter also.

Liberal manipuliert

Über Twitter habe ich im DHM erfahren, dass Donald Trump viel twittert. Das wusste ich ehrlich gesagt schon. Warum die Ausstellung so wenig Neues vermittelt, wenn es um die Macht der Werbeplattformen, die massenhafte Überwachung und die demokratische Öffnung des Diskurses durch die sozialen Medien geht, wird deutlich, wenn wir vor einen – ausgerechnet – Diaprojektor treten, durch den die Darstellung der jüngsten heimischen Netz-Erregungen läuft: von Rezo (äh, wer?) über das WDR-#Omagate (da saust noch was) bis hin zu „All Cops are berufsunfähig“ (Gott steh uns bei).

Der Debatte über die taz-Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah sind sieben Dias gewidmet. Kein einziges zeigt, auf wie viel Zustimmung die Kolumne stieß.

Statt intellektuell (und twittermäßig) relevante, die Kolumne als Meilenstein antirassistischer Polizeikritik einordnende Positionen wie die von Mely Kiyak oder Margarete Stokowski abzubilden, wird als einzig ernstzunehmende Stimme der taz-Kollege Stefan Reinecke zitiert, der dem Text vorwirft, Traffic auf Kosten von Aufklärung zu generieren; und noch nicht mal die Tatsache, dass weder der Presserat noch die Justiz irgendetwas „menschenverachtendes oder diskriminierendes“ (Ausstellungstext) an Yaghoobifarahs Kolumne finden konnten, wird aktualisierend eingearbeitet.

Die Ausstellung unterschlägt hier also Fakten, sie ist ein intellektueller Angstbeißer. Im Weltbild, das sie vermitteln will, ist Widerstand nur dann in Ordnung, wenn er in Belaraus, Hongkong oder in der Vergangenheit stattfindet. Es geht ihr nicht um Fortschritt, nicht um eine freiere Gesellschaft für alle, sondern um Legitimierung des Bestehenden. Was nicht reinpasst, wird trotzig weggeschwiegen.

„Von Luther zu Twitter: Medien und politische Öffentlichkeit“, noch bis 11. April 2021. Ein Aufsatzband zur Ausstellung ist bei S. Fischer erschienen, hg. von den Ku­ra­to­r:innen Raphael Gross, Melanie Lyon und Harald Welzer, 320 Seiten, 18 Euro.

Aber Angst vor Veränderung war noch nie ein guter Ratgeber: Vielleicht sollten unsere liberalen Eliten sich, was Realismus angeht, ein Beispiel an Papst Franziskus nehmen: In der neuen Enzyklika sieht er die Coronapandemie nicht etwa als Strafe Gottes, sondern als Ausdruck der Wirklichkeit, „die seufzt und sich auflehnt“.

Von Luther zu Twitter: Medien und politische Öffentlichkeit“, noch bis 11. April 2021. Ein Aufsatzband ist bei S. Fischer erschienen, hg. von den Ku­ra­to­r:innen Raphael Gross, Melanie Lyon und Harald Welzer, 320 Seiten, 18 Euro.

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