Aus der Sonderausgabe „Charlie Hebdo“

„Ich fahre eine Art Menschheitsekel“

Der Kölner Zeichner Ralf König erinnert sich an seine Reaktion auf den Pariser Anschlag vor einem Jahr – und an die Berichte darüber.

Ralf König hat sich selbst gezeichnet.

Illustration: Ralf König

taz: Herr König, was haben Sie vor einem Jahr bei dem Attentat auf Charlie Hebdo empfunden?

Ralf König: Ich war erschüttert, wie immer bei Terror. Ich war mit einem Kollegen in der Mittagspause in einem Lokal, und da liefen diese Bilder über einen Monitor. Ich begriff zunächst nicht, dass es sich um das Satireblatt handelte.

Sie hatten ja selbst schon für diese Zeitschrift gezeichnet.

Ja, aber das war zehn Jahre her, als die dänischen Mohammed-Karikaturen für Aufregung sorgten. Da hatte ich ein paar Cartoons zum Thema Satirefreiheit gezeichnet, die wurden da auch gedruckt. Ich kann leider kein Französisch, darum war mir zehn Jahre später „Charlie Hebdo“ erst mal kein Begriff.

Und was passierte dann?

Es dauerte nicht lange, bis das Telefon klingelte. Bei mir direkt waren’s der WDR, also Radio, und eine bayrische Tageszeitung. Bei meinem Agenten allerdings stand das Telefon nicht still, zwei Dutzend Anfragen von allen Medien, Fernsehen, Bild-Zeitung, Talkshows, alle wollten mit mir reden. Das hat mich sehr überrumpelt.

Ralf König, Jahrgang 1960, ist deutscher Comic-Zeichner und -Autor. Seit 1981 zeichnet er zu Themen der Schwulenbewegung, viele seiner Werke sind preisgekrönt.

Weshalb?

Ich war wohl der religionskritische Zeichner im Land, weil ich ein paar Bücher zum Thema gezeichnet habe. Aber mein Agent kannte einige der Pariser Opfer persönlich und war verständlicherweise sehr aufgeregt. Er beschwor mich quasi, dass ich mich jetzt nicht in die erste Reihe stelle und allen Medien Interviews gebe.

Vor zehn Jahren nahmen Sie aber Stellung zu der wüsten Kritik an den dänischen Mohammed-Karikaturen.

Ja, mit Karikaturen, nicht mit Interviews. In Deutschland war ich damals so ziemlich der einzige Zeichner, der das tat. Ich sah im TV, wie der Mob tobte und Botschaften brannten und Menschen starben, wegen Karikaturen! Da fühlte ich quasi meine Zunft getroffen. Ich war sehr wütend damals, setzte mich spontan hin und zeichnete. Diesmal, nach „Charlie Hebdo“, war ich nicht wütend, ich war nur entsetzt und traurig.

Bei Facebook posteten sie daraufhin eine Zeichnung …

Nur einen von diesen zehn Jahre alten Cartoons. Mein Agent drehte daraufhin am Rad und verlangte von mir, dass ich das Posting lösche. Wir haben uns am Telefon regelrecht angebrüllt, sehr stressig, und schließlich drückte ich entnervt die Löschtaste. Dadurch war die Aufmerksamkeit natürlich noch viel höher. Prompt titelte der Berliner Tagesspiegel: „Ralf König zieht kontroversen Cartoon zurück!“, was in den Tagen, als alle mutig Charlie waren, natürlich fatal rüberkam.

Was hat Ihren Agenten bewegt?

Na ja, er hatte Angst vor Nachahmungstätern. Er meinte, wenn ich jetzt als Karikaturist in allen Blättern präsent bin, könnte irgendein Irrer auf Gedanken kommen … Das ist ja leider auch nicht so ganz von der Hand zu weisen. Er wollte, dass ich mich da jetzt bedeckt halte und mal die anderen machen lasse. Dabei hatte ich gar keine Idee zu einem neuen Cartoon, ich war viel zu niedergeschlagen. Ich hab mich dann ein paar Tage komplett zurückgezogen.

Hat es sich gelohnt?

Ich bekam immerhin mit, wie die Medien drauf sind, das hat mir als Schnupperkurs gereicht. Bei Zeit Online in der Quizabteilung stand die Frage: „Wer zog nach dem Terroranschlag auf Charlie Hebdo seinen Cartoon zur Pressefreiheit zurück?“ Und darunter gab es drei Namen zum Ankreuzen: Ernst Kahl, Walter Moers, Ralf König. Da wurden zwei Tage vorher in Paris Zeichner erschossen, und schon ist man eine blöde Quizfrage! Widerlich.

Sie haben auch zum Islam gezeichnet.

Ja, diese Cartoons und vor allem in dem Buch „Dschinn Dschinn“, das war auch 2005. ‚Den Islam‘ hatte ich aber gar nicht gemeint. Damals stand Afghanistan im Visier der Medien, ich sah nur immer diese bärtigen Taliban und ihre absurden Gesetze, keine Musik, kein Fußball, Frauen unter der Burka, das hatte für mich damals noch komisches Potenzial, heute nicht mehr wirklich.

Wer macht Ihnen mehr Angst: Terroristen, die sich auf den Islam berufen, oder die, die jetzt vorsichtig werden und selbst Kritik an Talibanischem gemieden haben möchten.

Beide, beide. Ich vermisse die religiöse Gelassenheit der 80er Jahre. Inzwischen hab auch ich ein beklommenes Gefühl, wenn ich die viele Flüchtlinge sehe, die zu uns kommen, und Sorge, wie sich das womöglich auswirkt. Andererseits kann man die Menschen nicht vor den Grenzen erfrieren lassen, da finde ich Merkels Politik richtig. Es ist schwer, sich eindeutig zu positionieren, ich will das auch gar nicht.

Wofür plädieren Sie?

Nicht sofort für jede Meinungsäußerung als extrem rechts oder links abgestempelt zu werden. Mehr Gelassenheit. Man ist ja schnell im Shitstorm, gerade wenn’s um Religion geht. Ich habe mich fünf Jahre mit Gott beschäftigt, aber nun hab ich keine Lust mehr. Ich war nie gläubig, so wichtig ist es mir ohnehin nicht.

In den USA hieß es nach den Morden an Charlie-Hebdo-Kollegen, diese hätten auch ein bisschen selbst schuld gehabt. Was sagen Sie?

Nicht nur in den USA, das hörte man hier auch. Erbärmliches Argument. Damals bei den dänischen Karikaturen gab es diese Debatten sehr schnell.

Nach “Charlie Hebdo“ war das zunächst nicht so. Erst nach der großen Solidaritätswelle ging es um die Schuldfrage. Aber mit den neuen Anschlägen in Paris hat sich das erledigt. Die Leute, die diesmal erschossen wurden, haben keine Mohammeds gezeichnet. Es kann jeden treffen. Und nun?

Ich bewundere die wenigen, die weiter zu dem Thema zeichnen, Bücher schreiben, Filme drehen. Wie Kurt Westergaard, der dänische Zeichner, der Jahre nach den Unruhen um die Mohammed-Bilder fast mit einer Axt in seinem Haus gekillt wurde! Im Moment sage ich: Lasst mich alle in Ruhe. Religion, Politik, Medien, ich fahre seitdem so eine Art Menschheitsekel! Für einen Humoristen ist das nicht lustig.

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