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Aus Mannheim in die ganze Welt

Seit fünf Jahren porträtiert der Fotograf Luigi Toscano Holocaust-Überlebende und deren Angehörige in großformatigen Fotos. Seine Ausstellung haben weltweit schon eine Million Menschen gesehen. Nun kehrt sein Projekt „Gegen das Vergessen“ an den Ursprungsort Mannheim zurück: als Wandmalerei.

Nach fünf Tagen ist das Werk vollendet. Fotos: Mario Damolin

Von Mario Damolin↓

Dass die Arbeit an seinem Projekt „Gegen das Vergessen“ ihn auch persönlich angreift, das spürt man, wenn man mit ­Luigi Toscano spricht. Seine Beschäftigung mit Überlebenden des Holocaust und deren Geschichte hat den Mannheimer Fotografen und Filmemacher durch die ganze Welt geführt, ihn aber auch psychisch in Beschlag genommen. Seine vielen Re­cher­che­reisen, wechselnde fremde Sprachen, die Abwesenheit von seiner Familie, von seinen Kindern, die vielen schrecklichen Geschichten und nicht zuletzt das mediale Interesse haben ihn, so sagt er, erheblich strapaziert: „Zum Schluss wurde ich auch noch krank, hatte einen Hörsturz, war in Behandlung und musste kürzer treten.“ Geschichte als Stressfaktor.

Die anfangs unerwartete Resonanz, die seine Fotografien und Ausstellungen hervorgerufen haben, bescherten ihm viel Arbeit und Anfragen aus anderen Ländern und Städten wie etwa jetzt gerade wieder aus Kaunas, der europäischen Kultur­hauptstadt 2022. Und schon im Januar 2021 wird unter der Schirmherrschaft der UNESCO seine Ausstellung „Gegen das Vergessen“ in Paris eröffnet. Einen Doku­mentarfilm zu seinem Projekt hat er ebenfalls produziert – da war kaum Zeit zum Verschnaufen. „Die Corona-Krise kam dann wie eine Wohltat über mich“, meint Toscano lächelnd, „das klingt vielleicht seltsam, jetzt konnte ich endlich mal richtig zurückschalten, mich meiner Familie widmen, nachdenken. Jetzt war die Ruhe da, die ich auch mal brauchte.“ Und nun kehrt das Projekt auch wieder an seinen Ursprungsort zurück: Sören Gerhold von der Gruppe „Stadt Wand Kunst“ hatte mit Tosacno die Idee, dessen Fotos an Mannheimer Hauswände zu bringen. Seit vergangenem Wochenende ist das Ergebnis, umgesetzt vom Berliner Streetart-Künstler Akut, auf einer Fassade von F6, Hausnummern 5 bis 8, zu bestaunen.

Der Horror wirkt noch heute auf die Familien der Opfer

Eine der beiden Vorlagen für das Mannheimer Wandbild: Luigi Toscanos Portrait der Litauerin Bella Shirin.

Toscano ist kein Mann lauter Worte oder großer Gesten, fast zurückhaltend und mit einer Prise Melancholie erzählt er vom Anfang seines Projekts, von dem immer stärker werdenden Sog der Geschichten seiner Protagonisten, sei es im reichen New York oder in einem armen Dorf in der Ukraine. „Vom Holocaust wusste ich eigentlich nur das, was ich in der ­Schule erfahren habe, eine wirkliche Ahnung von der menschlichen Dimension hatte ich nicht.“

Das hat sich inzwischen geändert, mit manchen Holocaust-Opfern war er, so Toscano, richtiggehend befreundet, aber die meisten sind inzwischen auch tot. So wie der 2019 verstorbene Horst Sommer­feld, 1922 in Polen geboren und mit seiner ganzen Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Nur er überlebte und wurde 1945 in Bayern von der US-Armee befreit. Mit ihm war Toscano besonders freundschaftlich verbunden. Und deshalb wurde Sommerfelds Porträt auch für die Mannheimer Aktion ausgewählt, mit einem Spruch, der wohl für alle Opfer galt: „Ich habe immer in Angst gelebt.“

Eine von Toscanos Protagonistinnen ist die heute 74-jährige Bella Shirin aus Kaunas/Litauen, deren Eltern die Konzentrationslager Dachau und Stutthof überlebt haben. Shirin, geboren 1946, hat die Schrecken nach dem Holocaust in der eigenen Familie erlebt: Beide Eltern litten stark unter den Erfahrungen als Zwangsarbeiter und den Erinnerungen an ihre Zeit im KZ, die Mutter nahm sich das Leben.

Der Berliner Streetart-Künstler Akut in Aktion.

Jetzt ziert das großformatige Porträt von Bella Shirin, neben Sommerfeld, die linke Seite der Hauswand in den Mannheimer Quadraten, dazu ein Zitat aus einem Gespräch mit Toscano: „Wir müssen uns an die Vergangenheit erinnern, aber dürfen nicht in dieser leben.“ Shirins Auswahl ist ein wichtiger Fingerzeig von Toscano, dass der Horror des Holocaust auch nach dem Krieg in den Familien der Opfer seine Wirkung entfaltete. Bis heute, 75 Jahre danach.

Falk Lehmann alias Akut, Fotograf und Streetart-Künstler aus Berlin, hat das Zitat von Bella Shirin besonders motiviert, das Projekt „Gegen das Vergessen“ auf seine Art weiterzuführen. Für ihn ist dieser Satz wegweisend und positiv. Schon 2013 war er mit einer großformatigen Wandmalerei, die er als Teil des Duos „Herakut“ gestaltete, in Mannheim vertreten, jetzt hat ihn die Gruppe „Stadt Wand Kunst“ mit seiner „Mural Art“ – Mauerkunst – noch einmal in die Quadratestadt eingeladen. In Kooperation mit Luigi Toscano hat er das aktuelle Wandmalerei-Projekt entwickelt, unterstützt von diversen Kulturfonds der Stadt, des Landes, der Mannheimer Wohnbaugesellschaft GBG und der Heidelberger Sprühdosen-Produktion „Montana-Cans“. Auch Toscano hat einige Mittel zur Verfügung gestellt.

Eine Herzensangelegenheit für den Künstler

Luigi Toscano (links) mit Falk Lehmann alias Akut.

Dass sein Projekt unter der Rubrik „Politische Kunst“ einzuordnen wäre, das sieht Lehmann nicht unbedingt so: „Es ist eher eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Leben der porträtierten Menschen, und wenn der Künstler poli­tisch oder sozial engagiert ist, wird es dann eben eine politische oder soziale Kunstform sein.“ Lehmann, ein geborener Thüringer, hatte mit den beiden jetzt porträtierten Menschen keinen Kontakt, er entnahm ihre Bilder und Zitate aus Toscanos Buch „Lest we forget: Gegen das Vergessen“, das im März dieses Jahres herausgekommen ist. Das Mannheimer Projekt ist für ihn, so sagt er, eine „Herzensangelegenheit“, seine Gage gering im Verhältnis zu jenen Auftragsarbeiten, die er ansonsten zusammen mit Galerien weltweit ausführt. Fünf Tage, vom 6. bis zum 10. Juli, hat er, unterstützt von seiner Frau Sandra, an seiner „Mural Art“ gearbeitet, immer beobachtet und kommentiert von Mannheimer BürgerInnen oder sogar Besuchergruppen.

Das Wandgemälde steht in der Tradition – und ist eine gelungene Weiterführung – der Arbeiten des jüdisch-amerikanischen Fotokünstlers Shimon Attie, der schon Anfang der neunziger Jahre im Berliner Scheunenviertel eine großformatige Installation mit dem Titel „Writing on the Wall“ präsentierte: historische Fotos ehemaliger und wahrscheinlich ermordeter Bewohner mehrerer Straßen, projiziert auf die Straßenfronten der Häuser. Für Sören Gerhold von „Stadt Wand Kunst“ ist die Mannheimer Aktion schon jetzt ein Erfolg. „Ich bin richtiggehend begeistert über die fantastischen Reak­tio­nen der Mannheimer Stadtgesellschaft, das zeigt, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind.“

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