Augenzeugenberichte im Netz: Twitterei um Absturz

140 Zeichen und ein Foto des Flugzeugs im Hudson beim Mikroblogging-Dienst Twitter machen Janis Krums berühmt. Und mit ihm die neue Form des Bürgerjournalismus. Mal wieder.

"Da liegt ein Flugzeug im Hudson. Ich bin auf der Fähre, die die Leute aufsammeln soll. Verrückt!" twittert der Nutzer jkrums. Bild: screenshot twitter

Janis Krums war zufällig auf der Fähre, die die notgelandeten Passagiere der US-Airways Maschine aus dem minus sieben Grad kalten Wasser retten sollte und wollte das seine Follower beim Mikroblogging-Dienst Twitter wissen lassen. Also twitterte er: "Da liegt ein Flugzeug im Hudson. Ich bin auf der Fähre, die die Leute aufsammeln soll. Verrückt!" Dazu schoss er noch ein Foto aus nächster Nähe, das um die Welt ging. Kurz nachdem das Bild auf der Online-Fotocommunity Twitpic veröffentlicht wurde, war der Service wegen der über 7000 Zugriffe nicht mehr erreichbar und auch sein Tweet wurde allerorts zitiert.

Krums hat nach seinem legendären Twitter-Post diverse Interviews gegeben und bedankt sich bei seinen Lesern für ihre Unterstützung. Viele andere Twitter-Nutzer berichteten ebenfalls aus dem unmittelbaren Umfeld des Geschehens, beispielsweise, dass sie beim Blick aus ihrem Bürofenster plötzlich das Flugzeug im Hudson sehen können.

Schon Ende vergangengen Jahres berichtete ein Passagier, der einen Flugzeugabsturz in Denver, Colorado überlebte, unmittelbar im Anschluss über das Erlebte auf Twitter. Besonders bei den Anschlägen von Mumbai griffen sogar "CNN" und "BBC" auf Zitate von Twitter-Nutzern zurück. In 140 Zeichen kurzen Botschaften berichteten etliche Augenzeugen von den Anschlägen. "Ich sitze in meiner Wohnung fest, während draußen Schüsse fallen", schrieb ein Twitterer, ein anderer "ich habe wirklich Angst". Twitter wurde zum Nachrichtenmedium mit Informationen von und für die unmittelbar Betroffenen, die den Dienst nutzten, um sich gegenseitig zu unterstützen.

In Verbindung mit anderen Web 2.0-Diensten wie den Online-Fotocommunities Twitpic oder Flickr, wo innerhalb von Minuten erste Bilder von den Geschehnissen in den Straßen von Mumbai hochgeladen wurden, entstand online ein intensives Bild der Geschehnisse, mit dem die Kamerateams der Fersehstationen kaum mithalten konnten.

Das Problem an dieser neuen Form des Bürgerjournalismus ist die bereits viel zitierte Nicht-Nachprüfbarkeit der Meldungen, die von den Amateuren ins Netz gestellt werden und für die sie nicht mehr als ein Handy mit Internetverbindung benötigen. Die "alten" Medien berichten also immerfort, was getwittert wird und verweisen gleichzeitig darauf, dass sie nichts über den Wahrheitsgehalt dieser Tweets wissen.

So kann es aber auch nicht ewig weitergehen. Denn mittlerweile gehören die Informationen aus erster Hand, die sich unmittelbar nach einem spektakulären Ereignis im Internet wiederfinden, zum Alltag. Um die Richtigkeit der Meldungen zu überprüfen, also die Spreu vom Weizen zu trennen, müssen Journalisten unter anderem die Twitter-Autoren erst einmal interviewen. Deshalb ist Janis Krums jetzt auch erstmal beschäftigt. Gerade hat er ein MSNBC-Interview hinter sich und wird bei "Good Morning, America" auftreten - aber zum Glück noch Zeit zum twittern.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de