Aufruf vor Bürgermeisterwahl in Görlitz

Filmstars bangen um Görliwood

Internationale Filmschaffende wollen einen AfD-Bürgermeister im sächsischen Görlitz mit einem Appell verhindern. Nicht alle finden das gut.

Das Foto zeigt die Sicht durch einen Torbogen in die Görlitzer Altstadt und den kopfsteingepflasterten Untermarkt

Auch Hollywood findet es hier schön: Görlitz Foto: dpa

BERLIN taz | Mehr als 700 der „Courtesans au Chocolat“ musste Anemone Müller-Großmann backen, dreistöckige Törtchen aus Brandteig. „Wes Anderson hat Szenen immer wieder neu drehen lassen, deshalb brauchte er so viele“, sagt die Konditormeisterin über den Regisseur des Films „Grand Budapest Hotel“. Länger als drei Monate arbeiteten Anderson und seine Crew 2013 in Görlitz – und Betriebe wie Müller-Großmanns Konditorei halfen.

Hollywood machte Görlitz' historische Altstadt mit zahlreichen Filmen weltweit berühmt. Es sind auch jetzt Filmschaffende, die den Oberbürgermeister-Wahlkampf zwischen CDU-Mann Octavian Ursu und seinem Kontrahenten von der AfD, Sebastian Wippel, bundesweit bekanntmachen.

„Bitte wählt weise, liebe Bürgerinnen und Bürger und Freunde in Görlitz und Sachsen“, schreiben Schauspieler*innen wie Tom Wlaschiha („Game of Thrones“), Daniel Brühl („Inglourious Basterds“) und Désirée Nosbusch („Bad Banks“) in einem offenen Brief. Und weiter: „Gebt Euch nicht Hass und Feindseligkeit, Zwietracht und Ausgrenzung hin.“

Mit ihrem Appell wollen die Filmschaffenden verhindern, dass Görlitz am Sonntag die erste deutsche Stadt mit einem AfD-Stadtoberhaupt wird. Keine schöne Vorstellung für Menschen wie Udo Bröge. Der Görlitzer organisiert Führungen zu den bekanntesten Drehorten und kommt ins Schwärmen, wenn er von seiner Stadt spricht: „Görlitz ist weltoffen und kulturvoll und wenn dies nun der erste Ort mit einem Bürgermeister von der AfD sein sollte, wäre das ganz traurig“, sagt er.

AfD-Erfolg bei erstem Wahlgang

Bei vielen Stadtführungen höre er, dass die Besucher*innen durch Filme auf Görlitz aufmerksam geworden seien. Die Aktion der Künstler*innen beeindruckt ihn, er befürchtet jedoch, dass sie AfD-Wähler*innen noch mehr mobilisieren könnte.

Offener Brief der Filmschaffenden

„Gebt Euch nicht Hass und Feindseligkeit, Zwietracht und Ausgrenzung hin“

Beim ersten Wahlgang am 26. Mai holte der Kandidat der Rechten mit 36,4 Prozent noch die meisten Stimmen. CDU-Mann Ursu landete mit 30,3 Prozent auf Platz zwei, knapp gefolgt von der Grünen-Kandidatin Franziska Schubert. Schubert zog ihre Kandidatur zurück und sagte im Mitteldeutschen Rundfunk, sie rufe Bürger*innen dazu auf, für ein „weltoffenes, freundliches Görlitz als Europastadt“, zu stimmen.

Ursu gibt sich zurückhaltend, was den prominenten Beistand der Oscar-Preisträger und Filmschaffenden für ihn angeht. „Es geht hier nicht um mich, auch nicht um meinen Mitbewerber, sondern um die weltoffene Stadt“, sagt er. Und inwieweit die Wählerinnen und Wähler den Aufruf der Filmemacher gut fänden, würde sich am Sonntag zeigen.

Glaubwürdigkeit von Görliwood

Für AfD-Mann Wippel ist klar: „Die Vorwürfe, die in der Erklärung gemacht werden, sind aus der Luft gegriffen.“ Die AfD sei durchaus auch gastfreundlich bei denjenigen, die etwas leisteten. Er hält es für unangemessen, dass sich Menschen, die nicht betroffen seien, über eine große Distanz in den Wahlkampf einmischen.

Ursu äußert hingegen die Sorge, dass die internationalen Filmteams Görlitz mit einem Bürgermeister der AfD weniger häufig aufsuchen könnten. Für diese sei eine offene Gesellschaft vor Ort wichtig. Die internationalen Filmproduktionen seien auch ein wirtschaftlicher Faktor, der Görlitz bekannt mache.

Wie viel Geld die regelmäßigen Dreharbeiten in die Kassen der Stadt und in die der Gastgewerbe spülen, kann die Görlitzer Gesellschaft zur Wirtschaftsförderung nicht beziffern. Von dort heißt es nur, es sei wichtig, die Glaubwürdigkeit vom so genannten Görliwood dauerhaft zu erhalten und regelmäßig Filmproduktionen vor Ort zu haben.

Auch Konditorin Müller-Großmann denkt gerne an den Filmdreh von „Grand Budapest Hotel“ zurück, obgleich es manchmal anstrengend gewesen sei. „Das war eine große Sache“, sagt sie. Ihre „Courtesans au Chocolat“ backte sie danach noch mehrmals, beim Catering für die Berlinale zum Beispiel. Auch heute noch werde sie in ihrer Konditorei immer wieder danach gefragt.

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