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Auerhähnen ist das Windrad piepegal

Im Schwarzwald muss das Auerhuhn herhalten, wenn es um die Ablehnung von Windrädern geht. Doch dessen Aussterben hat mit Windkraft nichts zu tun, sagt der Ornithologe Thomas Ullrich auf der windigen Hornisgrinde.

Von Rotorblättern zerschreddert? So hoch fliegt kein Huhn. Fotos: Joachim E. Röttgers

Interview von Sabine Hebbelmann↓

Herr Ullrich, hier, neben dem ersten Windkraftstandort Baden-Württembergs, soll es auch Auerhühner geben. Werden die scheuen Vögel nicht von dem Windrad und den vielen Touristen gestört?

Die Auerhühner finden sich 200 Meter unterhalb einer Steilwand im „Biberkessel“, der von einem ehemaligen Kar­gletscher geformt wurde. Da ist es kühl und sie sind vor Trubel geschützt.

Umweltministerin Thekla Walker, Grüne, und Landwirtschaftsminister Peter Hauk, CDU, haben im August eine neue Planungsgrundlage für die Genehmigung von Windrädern veröffentlicht. Was wird damit erreicht?

Auf 124.000 Hektar Höhenlagen im Schwarzwald – die Größenordnung muss­te ich aus der zugehörigen Karte selbst berechnen – wird das Auerhuhn gegen Windkraft in Stellung gebracht. Die jetzt neu beworbenen 15.000 Hektar ohne Auerhuhn-Restriktionen werden dagegen nochmal in Fußballfelder umgerechnet und als Erfolg für die Energiewende verkauft. Tatsächlich wird der Bau neuer Windkraftanlagen an günstigen Stand­orten, und damit die Erzeugung dringend benötigter erneuerbarer Energie, massiv behindert.

Eine Facharbeitsgruppe hatte an der Planungsgrundlage mitgewirkt. Warum haben Sie diese unter Protest verlassen?

Hier wurde mit sehr veralteten und damit falschen Ausgangsbedingungen gearbeitet. Eine wirkliche Mitarbeit war für mich als ornithologisch beruflich tätiger Fachgutachter mit wissenschaftlicher Forstausbildung und höherer Verwaltungsausbildung nicht gegeben. Die Ausschlussgebiete entsprechen Verbreitungsgebieten, die auf einer Karte im „Auerhuhnaktionsplan“ von 2007 eingezeichnet sind und auf Daten basieren, die zum Teil über 30 Jahre alt sind. Es wird der Art nicht helfen, Windkraft auf Flächen auszuschließen, wo Auerhühner derzeit nicht vorkommen und auch in Zukunft nicht mehr vorkommen werden.

Wie hat sich der Bestand im Schwarzwald entwickelt?

Seit 1971 ging die Zahl balzender Hähne von deutlich über 500, was noch als stabile Population angesehen wird, auf weniger als hundert in diesem Jahr zurück. Eine selbsttragende Auer­huhn­popu­la­tion im Schwarzwald wird noch in diesem Jahrzehnt Geschichte sein, prophezeit der renommierte Ornithologe Peter Berthold in seinem aktuellen Buch „Auerhuhn – Ein Urvogel verschwindet“. Dass die Forstliche Versuchsanstalt, die LUBW und das Ministerium von flächigen Wiederbesiedelungen ausgehen, ist reines Wunschdenken.

Was sind denn die Gründe für diesen Schwund?

Das Aussterben des Auerhuhns hat mit Windkraft nichts zu tun. Dass es im Zuge des Klimawandels wärmer wird, das ist schon der Hauptgrund. Im Schnee können sich Auerhühner mit ihren befiederten Füßen wie auf Schneeschuhen bewegen. Doch gibt es immer weniger Schneelagen, wo sie sicher sind vor Fressfeinden wie dem Wildschwein. Dieses hat sich längst im ganzen Schwarzwald ausgebreitet. Die intensive Forstwirtschaft fördert dichte jüngere Waldbestände, die wenig Habitateignung aufweisen. Dagegen braucht das Auerhuhn lichte und strukturreiche Nadel­wälder mit reichlich Heidelbeerkraut.

Wie groß ist die Gefahr, dass Auerhühner mit Windrädern kollidieren?

Die ist zu vernachlässigen. Das Auer­huhn ist schwerfällig und fliegt, wenn überhaupt, nur niedrig. Eine Kollisionsgefahr stellen die Drähte von Wildschutzzäunen dar – der Forst hat daher teils auf Holzzäune umgestellt.

Droht das Auerhuhn weltweit auszusterben?

Nein, das Auerhuhn ist an kaltes ­Klima angepasst und in den lückigen Taiga-Landschaften Sibiriens und Nordeuropas mit stabilen Populationen verbreitet. In Mitteleuropa gilt es als Eiszeitrelikt und ist auf dem Rückzug.

Es gibt allgemeine Hinweise des Umwelt­minis­teriums zur Erfassung und Bewertung von Vogelvorkommen bei der Genehmigung von Windenergieanlagen. Was wird da gefordert?

Als Gutachter sind wir gehalten, bei windkraftsensiblen Arten in einem festgelegten Radius um ein geplantes Windrad, aber auch auf dem Gelände der geplanten Zuwegung, alle Brutstätten zu finden, über das Jahr verteilt Untersuchungen zur Raumnutzung zu machen und Ausgleichsmaßnahmen vorzuschlagen. Ich finde es richtig, die Standorte sorgfältig auszuwählen, und mache das gerne.

Wie lange dauern die artenschutzrechtlichen Gutachten?

Sie dauern im Schnitt ein Jahr und sind Voraussetzung für die Genehmigung. Windkraftskeptische Behörden setzen sich aber oft mit fadenscheinigen Begründungen über positive Gutachten hinweg.

Warum braucht es zusätzliche Hinweise aus dem „Forstministerium“ eigens für das Auerhuhn?

Das hat historische Gründe. Das Auer­huhn war schon immer auch ein politisches Tier und kam auch ganz schnell auf die Rote Liste als vom Aussterben bedrohte Tierart. Als „Auerwild“ fällt es unter das Landesjagdrecht, in früherer Zeit wurde es sogar zum Hochwild gezählt. Nur die hohen Herren durften es bejagen. Die Jagd ist vor 50 Jahren eingestellt worden, weil der Hühnervogel schon damals immer seltener wurde.

Die Regierungsfraktionen haben sogar eigens einen Verein „Auerhuhn im Schwarzwald“ ins Leben gerufen. Ist das Auerhuhn auch eine Art Aushängeschild für den traditionsreichen Schwarzwald, ähnlich wie der Bollenhut?

Das denke ich schon. Tatsächlich ist das Auerhuhn ein prächtiger und faszi­nie­render Vogel, der es verdient hätte, auch im Schwarzwald zu überleben. Vor allem die balzenden Hähne machen viel her, wenn sie sich zu ihren Rangkämpfen auf den Balzplätzen treffen, ihre ­Federn aufstellen und lauthals um die Gunst der Hennen streiten. Klar ist jedenfalls, dass für kaum eine andere Tierart ein so großer Aufwand mit teuren Aktionsplänen und Kampagnen betrieben wird. Die Maßnahmen fruchten, wirken aber nur kleinflächig und kurzfristig. Der Klimawandel ist einfach stärker.

Gibt es noch andere schützenswerte Vogel­arten im Schwarzwald, auf die beim Ausbau der Windkraft Rücksicht genommen werden muss?

Bekanntestes Beispiel ist der Rot­milan, der als windkraftsensibel eingestuft ist. Im Gegensatz zum Auerhuhn fliegt er gerne und auch hoch. Dennoch hat sich gezeigt, dass der Bestand mit dem Ausbau der Windkraft parallel zugenommen hat. Das lässt sich gut anhand konkreter Standorte mit moderater Windkraftentwicklung zeigen. Offensichtlich gibt es Gewöhnungseffekte gegenüber den Anlagen.

Größere zusammenhängende Waldlebensräume, die Rückzugsräume für gefährdete Wildtierarten bieten, sind selten geworden. Warum werden Windräder häufig ausgerechnet dort gebaut?

Die politisch festgelegten Abstandregelungen zu – vom Menschen – bewohnten Gebieten führen dazu, dass die Windkraft durch das Wegschieben in entfernte Flächen eben genau dahin kommt und kommen soll, wo die Natur bisher noch etwas mehr Ruhe hatte. Da müssen wir Menschen einfach windkraftaffiner werden.

Der Ornithologe Thomas Ullrich, 54, lebt im badischen Ettenheim. Als Jugendlicher trat er in den NABU ein, leistete seinen Zivildienst bei der Fachschaft für Ornithologie südlicher Oberrhein und studierte Forstwirtschaft an der Universität Freiburg. Beruflich führte es ihn vom staatlichen Forstamt Biberach an der Riß an die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) in Freiburg und zum Verein für forstliche Standortskunde und Forstpflanzenzüchtung. Seit 2009 ist Ullrich Angestellter bei der Ökonzept GmbH Freiburg. Er erstellt ornithologische Gutachten und Natura-2000-Fachplanungen, nimmt an ornithologischen Monitoringprogrammen teil, leitet Seminare und Fortbildungen. (heb)

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