■ Scheibengericht: Arnold Schoenberg The four string quartets Kolisch Quartet
Im Anfang war die digitale Stille. Dann fing ein großes Knistern an, und alsobald trat heraus die dünne Stimme eines Streichquartetts – es handelt sich um eine historische Aufnahme. Sie lädt einmal ein, die Aufmerksamkeit auf die „Störung“ zu richten, auf die Poesie des Rauschens mit seinen vielfältigen Tönungen, seinen Einsprengseln von Knacken und Knistern. Seine filigranen Muster unterstreichen die Kostbarkeit der Musik und lassen sie um so geheimnisvoller leuchten.
Da die Streichquartette in Häppchen von maximal viereinhalb Minuten Länge zerlegt werden mußten – mehr paßte nicht auf eine Schellackplattenseite – und jede Platte durch die Spuren des Gebrauchs ein anderes Rauschen bereithält, kommt der Hörer bei der Gesamtaufnahme von Schoenbergs Streichquartetten in den Genuß von 45 völlig verschiedenen Rauschsphären. „Leider existieren die unvergleichlichen Interpretationen des Kolisch-Quartetts nur in Privatexemplaren und sind auf dem Markt nicht zugänglich.“ Mit dieser Notiz weist Th. W. Adorno am Ende seiner „Lehrschrift zur musikalischen Praxis“, dem „getreuen Korrepetitor“, auf eine Interpretation hin, bei der nicht „technische Unzulänglichkeiten der Platten den musikalischen Verlauf empfindlich trüben“. Hat er die Aufnahmen je gehört? Auch Schoenberg hielt die Einspielung für perfekt, allein der Bratschist des Quartetts, Eugene Lehner, meldete berechtigte Zweifel an. Denn die Takes werden nur einmal eingespielt, Korrekturen waren nicht mehr möglich. So wären denn rhythmische Ungenauigkeiten, sinnlose Akzente, unklare Artikulation etc. in großer Zahl zu beanstanden, wenn nicht die ergreifende Gegenwart des Vergangenen für alle Einbußen reichlich entschädigen würden. Im Unterschied zu heutigen Nahaufnahmen, die jede Einzelheit hören lassen, eliminiert das Grammophon die Details. Durch die Unschärfe treten jedoch die Konturen plastischer hervor. Und die Kunst des Kolisch-Quartetts, die vertrackten Strukturen kraft ihrer Musikalität zu lebendiger, atmender Musik zu erwecken, ist bis heute nur selten wieder erreicht worden.
Schellack-Platten sind die Memento Mori inversi der verklingenden Künste. Sie halten für die Ewigkeit (nach Menschenmaß) einen Klang fest, der lange schon verklungen ist, und sagen so: Zwar bleibet eine Spur vom Flüchtigsten, aber nicht von Dir. Als Bonus-Tracks gibt es diesmal nicht irgendwelchen Füllstoff, sondern eine echte Rarität: Schoenbergs Stimme, die in echtem Wienerisch und wienerischem Englisch der Freude über die gelungenen Aufnahmen Ausdruck verleiht. Das leitet zu zwei Fragen: Gibt es eigentlich eine auditive Graphologie? Und: Wie hätte wohl Beethoven zu dem Mikrophon geredet?
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