Armut in Kreuzberg: Kunstprojekt geht die Kohle aus

Das Zentrum Gitschiner Straße 15 holt seit 13 Jahren obdachlose und arme Menschen mittels Kunst von der Straße. Jetzt ist das Haus selbst in Geldnöte geraten.

Armut wird nun wieder etwas versteckter sein. Bild: dpa

Dave sitzt gebeugt über einer Kreidezeichnung. Er schüttelt den Kopf, zieht konzentriert Kreidestriche auf seinem Papier, dann flucht er wieder und kommentiert seine Arbeit mit strengen Blicken. Dave sitzt in der obersten Etage des Zentrums für Gesundheit und Kultur gegen Ausgrenzung und Armut. Vor ihm das Bild eines Native American. Die male er am liebsten, sagt er. Und Pferde. Ohne das Zentrum in der Gitschiner Straße könnte Dave, der in den achtziger Jahren aus San Francisco nach Berlin gekommen ist, nicht malen. Er lebt von Hartz IV, und da ist für Kunst und Kultur nichts vorgesehen.

In der Gitschiner Straße 15 in Kreuzberg können Menschen wie Dave ohne Geld kreativ arbeiten, ihr Fahrrad reparieren oder ein günstiges Mittagessen bekommen. Das Zentrum versteht sich als eine alternative Volkshochschule, in der arme und obdachlose Menschen eine Vielzahl kreativer und sozialer Angebote umsonst in Anspruch nehmen können. Täglich kommen um die 40 BesucherInnen, manche von ihnen leben auf der Straße, viele von Hartz IV. Nun ist das Zentrum, das vor beinahe 13 Jahren gegründet wurde, selbst in ernsthafte finanzielle Nöte geraten.

Dabei ist die Gitschiner 15, wie die BesucherInnen das Haus nennen, ein außergewöhnliches Projekt. Mitarbeiter Jürgen Horn bekam vom Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg gerade die Wichern-Plakette für sein Engagement verliehen. In der Laudatio heißt es: „Die Gitschiner 15 ist ein absolutes Vorzeigeprojekt. Den Menschen vor Ort wird nicht nur praktisch geholfen, sie können sich künstlerisch und kulturell entfalten.“ Auch Peter Storck, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion, zu der die Einrichtung gehört, schwärmt: „Menschen werden durch Kunst und Musik stark. Sie entdecken Fähigkeiten an sich, von denen sie nicht einmal zu träumen gewagt haben.“ Während die Jobcenter Menschen immer im Blick auf den Arbeitsmarkt aktivierten, geschehe das in der Gitschiner 15 durch Kunst und Kultur.

Warum das Zentrum nun trotzdem in finanzielle Not geraten ist, erklärt Projektleiter Werner Neske so: „Wir bekommen keine Förderung von der Stadt, weil unsere Angebote zu vielseitig sind und kulturelle Angebote keine Pflichtleistung darstellen.“ Wäre die Gitschiner lediglich eine Suppenküche oder eine Sozialberatung, würde der Senat dem Projekt sicher Fördermittel zur Verfügung stellen, glaubt er. Aus der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales heißt es dazu lediglich: „Das Zentrum für Gesundheit und Kultur gegen Ausgrenzung und Armut leistet eine wichtige und gute Arbeit mit breitgefächerten Angeboten.“ Zuzuordnen sei das Projekt dem Bereich Wohnungslosentagesstätte. Weiter heißt es: „In der Senatssozialverwaltung liegen keine Kenntnisse über Förderanträge der Kirchengemeinde vor.“

Neske jedenfalls hat keine Hoffnung mehr auf öffentliche Gelder: Lange Jahre habe er Klinken bis zum Umfallen geputzt und es bei den verschiedensten SenatorInnen versucht, erzählt der Sozialarbeiter, der das Zentrum im Jahr 2000 mit begründet hat. Alle hätten ihm mitgeteilt, dass das Projekt aufgrund der Förderrichtlinien keine Mittel erhalten könne.

So bleiben nur Spenden, um das Projekt zu retten. Größere Geldsummen hätten sie ein paar Mal bekommen, erzählt Neske. Aber das seien einmalige Geldspritzen gewesen. Wenigstens um die Pacht für das Zentrum muss man sich nicht kümmern: die wird von der evangelischen Kirche übernommen. Ab und an bekomme man auch die Kollekte der evangelischen Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion, aber das reiche gerade mal, um davon eine Strom- und Wasserrechnung zu bezahlen. „Wir bräuchten einmalig 170.000 Euro, davon könnte man zwei bis vier feste Stellen dauerhaft finanzieren.“

Momentan sind nur Neske und Christiane Pförtner, verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit und Koordination, fest unter Vertrag, ihre Stellen lassen sich gerade so durch Spenden finanzieren. Jürgen Horn, der Mann, dem die Diakonie ihre höchste Ehrung verlieh, hat einen befristeten Vertrag bis Oktober 2013. Was danach kommt, weiß niemand. Horn sagt: „Ich habe früher schon Hartz IV bezogen und hier gearbeitet. Es muss einfach weitergehen, irgendwie.“

Unten im Hof sitzen BesucherInnen und unterhalten sich, mittendrin Dave, der Zeichenkünstler. Es gibt selbstgedrehte Zigaretten und Wurstsalat, von dem Daves Sitznachbar einiges im Schnurrbart hängen hat. Dave sagt: „Ohne zu malen, könnte ich nicht leben.“ In San Francisco war er vier Jahre lang auf der Kunstakademie. Dann kamen die Drogen. Und das Leben.

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