Armin Rohde über "Nachtschicht": "Der Mann hat Dreck am Stecken"

Eigentlich wollte Armin Rohde nicht so lange bleiben, jetzt mag er nicht mehr aufhören. In "Nachtschicht" spielt er Kommissar Erichsen, einen Polizisten mit Gangsterqualitäten.

Armin Rohde ist seit 2003 als Kommisar Erichsen im ZDF zu sehen. Bild: zdf

taz: Herr Rohde, seit 2003 sind Sie in der ZDF-Krimireihe "Nachtschicht" als Kommissar Erichsen zu sehen. Heute Abend wird die 10. Folge der Spielfilmserie ausgestrahlt. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Armin Rohde: Ursprünglich wollte ich gar nicht so lange dabeibleiben. Weil meine Befürchtung war, den "Kommissar-Stempel" zu kriegen. Nach ein paar Folgen habe ich aber gemerkt, dass das nicht passiert - einmal weil wir ja nur einen Film pro Jahr drehen und weil die Filme trotz der Kontinuität der Hauptfiguren offenbar eher als einzelne Fernsehspiele gesehen werden.

Was ist Kommissar Erichsen für ein Typ? Verstehen Sie, was ihn antreibt?

Der Mann hat Dreck am Stecken. In der ersten "Nachtschicht" erschießt er einen Gangster und reißt sich dessen Geld unter den Nagel. Dann brennt er mit der Freundin des Gangsters durch. Er ist gern Polizist, rund um die Uhr. Er hat so gut wie kein Privatleben: Es gibt da nicht die halbwüchsige Tochter aus einer geschiedenen Ehe und den Dackel, den man zu versorgen hat. Der Typ ist ausschließlich Polizist. Wenn er Beziehungen hat, dann mit Prostituierten.

Ihr Kommissar sticht auch durch seinen sarkastischen, abgeklärten Witz heraus.

Der in Gladbeck geborene Schauspieler (56) sorgte erstmals 1991 als Gegenspieler von Götz George im letzten Schimanski-"Tatort" für Aufsehen.

"Nachtschicht – Reise in den Tod", Montag, 16. Januar, 20.15 Uhr, ZDF.

Bei Leuten wie Erichsen hat man das Gefühl: Der weiß, wie Leben geht. Dem machst du nichts vor. Der weiß, was an Scheiße passieren kann. Und weiß auch, wie man da wieder rauskommt. Oder dass es Situationen gibt, aus denen man eben nicht wieder rauskommt und die man nur hinnehmen kann. Von daher hat der Mann bei aller Bärbeißigkeit auch eine gewisse Tröstlichkeit.

Ist er Ihnen sympathisch?

Ich weiß nicht, ob man mit ihm befreundet sein oder ihn als Nachbarn haben möchte. Er ist ein bisschen unkalkulierbar. Diese Mischung macht es aus. Die Zuverlässigkeit auf der einen Seite: Er kann einiges aushalten und abblocken. Und auf der anderen Seite ist er jemand, der gefährlich werden kann.

Welche Bedeutung hat Lars Becker als Drehbuchautor und Regisseur für den Erfolg der "Nachtschicht"? Was verdanken Sie ihm?

Die Drehbücher sind entscheidend. Lars Becker ist ein Glücksfall. Der kennt das Leben. Der kennt auch den Kiez und weiß, wie die Leute reden. Wenn ich mir diese Heile-Welt-Produktionen im Fernsehen anschaue, da gibt es so viele, bei denen man denkt: Wer das geschrieben hat, war noch nie vor der Tür, der hat noch nie im Supermarkt eingekauft, der kennt das Milieu gar nicht, über das er schreibt. Das ist so oberflächlich und allgemein, dass man nicht viel falsch, aber eben auch nicht viel richtig machen kann. Deshalb müsste noch viel mehr Zeit, Geld und Energie in die Drehbuchentwicklung gesteckt werden. Wie in den USA.

Was macht die US-Fernsehproduktionen besser?

Die Dialoge sind geil. Witzig, intelligent, schlagfertig - von dieser Frechheit haben wir noch viel zu wenig. Außerdem werden familiäre, sexuelle, soziale und politische Missstände offen angesprochen. Und das eben nicht, wie in Deutschland gern, mit dem moralischen Zeigefinger: "Das Leben ist schwer, legt rechtzeitig was zur Seite, und achtet auf eure Gesundheit." Das will doch keiner hören. Die Leute wollen Unterhaltung. Und wenn man dann noch mit gesundem Menschenverstand ein paar Wahrheiten hineinschmuggelt, ist das doch klasse.

Die "Nachtschicht" ist mit ihrer nächtlichen Szenerie, den abgründigen Charakteren und düsteren Themen aber doch eher das Gegenteil von leichter Unterhaltung.

Ja, aber das wird durch den schwarzen Humor in der Serie erträglich. Zum Beispiel hatten wir zwei Komparsen, die wir in eine Zelle gesperrt haben. Die haben sich dann irgendwann gelangweilt und fingen an, irgendwelchen Blödsinn zu machen.

Und das ist produktiv für die Filmarbeit?

Das machen Menschen, wenn sie sich langweilen. Die sitzen nicht brav wie Komparsen herum und warten, dass sie wieder dran sind. Solche Sachen benutzen wir, wir gucken hin. Das ist auch das Anstrengende an unseren sehr langen Schichten: Wir versuchen, die Wachheit dafür nicht zu verlieren.

Dieser Realismus betrifft in der "Nachtschicht" auch die Darstellung von Gewalt. Haben Sie keine Angst, Zuschauer zu verschrecken?

Man sagt ja, das ZDF-Publikum sei im Schnitt über 50 Jahre alt. Da gibt es dann immer das Gerede von der Oma in Gütersloh, die dieses oder jenes nicht abkann. Die hat aber auch schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen! Erwachsene, die das Leben kennen, können wir damit nicht schocken. Die wissen auch, dass die Realität noch viel brutaler ist.

Also empfinden Sie die "Nachtschicht" nicht als besonders schonungsloses Format?

Wenn man sich die Geschichte der aktuellen Folge ansieht: Den Leuten, die da eingeschleust werden, passieren noch wesentlich härtere Sachen, als vom Arbeitgeber geschlagen oder vergewaltigt zu werden. Auch wenn es sich hart anhört: Was wir zeigen, ist vergleichsweise harmlos. Wir können nur ankratzen und andeuten. Das Elend in seinem ganzen Facettenreichtum auszubreiten kann aber auch nicht die Aufgabe eines Fernsehfilms sein.

Wie lange geht es jetzt mit Ihnen als Kommissar Erichsen noch weiter?

Solange wir alle das Gefühl haben, dass es gut ist. Wenn ich mit der "Nachtschicht" aufhören würde, würde Lars Becker wohl auch gehen. Ich habe damals gesagt: Nach vier, fünf Folgen höre ich auf. Jetzt habe ich rund ein Dutzend Filme gedreht - und die Lust, aufzuhören, ist einfach nicht mehr da.

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