Vom Sinn und Unsinn der Verbote

Die taz Redakteur*innen sind sich an dieser Stelle einig: Rechte Bücher dürfen in den Regalen der Bibliotheken nicht fehlen, sollen ausgeliehen werden und gehören nicht verboten. So einhellig die Haltung, so unterschiedlich die Argumente

Jürgen Habermas: Papst der Diskurstheorie Foto: Martin Gerten/dpa

Sven-Michael Veit über das Böse

Niemals reden wie sie

Über das Böse wäre zu reden. Denn Neonazis sind böse, das ist doch wohl unstrittig, Rechtspopulisten sind es auch und die dazwischen natürlich ebenfalls. Und was sie tun, sagen und schreiben ist es folglich auch. Wie übersichtlich die Welt doch sein kann, wenn sie in Gut und Böse geteilt ist, in Recht und Unrecht, in Weiß und Braun. Zumindest für den, der das so sieht.

„Aufgrund des meiner Ansicht nach unüberwindbaren Problems der Subjektivität sollten wir weder Menschen noch Taten als böse etikettieren“, wendet hingegen die deutsch-kanadische Rechtspsychologin Julia Shaw in ihrem jüngst erschienenen Buch „Böse. Die Psychologie unserer Abgründe“ ein. Denn das Böse, so weist sie nach, liegt im Auge des Betrachters.

Wer mithin rechte, also böse, Bücher verbieten oder verbannen will, muss sich in letzter Konsequenz fragen lassen, ob er sie auch verbrennen würde. Und er muss sich Shaws Kernfrage stellen: „Wenn Sie in der Zeit zurückgehen könnten, würden Sie Hitler als Baby töten?“ Aus den möglichen Antworten entwickelt sie Psychogramme, die nicht immer vorteilhaft ausfallen. Shaws Schlussfolgerung: „Menschen als böse zu bezeichnen, zeugt von Faulheit.“

Das ist bewusst dezent formuliert. In „Jenseits von Gut und Böse“ warnte Friedrich Nietzsche einst drastischer: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird.“

Und deshalb darf man Rechte und Rechtspopulisten vom Diskurs nicht ausschließen. Man muss mit ihnen reden, so schwer es bisweilen fallen mag. Und man muss über sie reden. Was man aber niemals darf: wie sie reden.

Daniel Wiese über Diskurskontrolle

Habermas gegen sich selbst verteidigt

Rechtspopulisten meinen es nicht ehrlich, sie sind nicht wahrhaftig und aufrichtig, so wie man es von Diskursteilnehmern erwarten muss. Sie lügen, verbreiten Fake Facts und arbeiten an der Schaffung einer alternativen Realität, die zu einem neuen Faschismus führt.

Was Jürgen Habermas in einem neueren Interview gesagt hat – und vielleicht sogar schon früher in seinen Standardtexten zur Diskurstheorie – kann man etwa so verstehen: Nicht jeder kann und soll am herrschaftsfreien Diskurs teilnehmen, es gibt Zugangsbedingungen. Vor dem Eintritt in den Diskurs stehen die Wächter des Diskurses und sortieren die rechten Volksverführer aus.

Sollte Habermas das wirklich meinen, machte er damit zunichte, was seine Theorie so grandios machte: Im Prozess einer fortschreitenden Rationalisierung sollte sich ein universeller Diskurs herauskristallisieren, in dem es keine unantastbaren Bereiche gäbe, die nicht hinterfragt werden dürfen, sondern in dem es nur auf die Argumente ankäme. Wer in diesen Diskurs eintritt, lässt sich nolens volens auf ein Spiel ein, das er verlieren kann: Was sich am Ende durchsetzt als die (vorläufige) Wahrheit, ist dem „seltsam zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ geschuldet und sonst nichts.

Habermas versucht so, das Erbe der Aufklärung in die Gegenwart zu retten. Wenn jedoch Rechtspopulisten und Nazis vom Diskurs ausgeschlossen werden, wird ein argumentativer Sieg über sie nicht zu erringen sein. Der Diskurs büßt seine Universalität ein. Das Projekt der Aufklärung wäre gescheitert.

Lena Kaiser über sinnvolle Kommunikation

Zerstörerische Unvernunft

Der Groschen ist längst gefallen. Vielleicht war ich 13, als mein Großvater, den ich und meine Schwestern nicht Opa nennen durften, über irgend etwas sprach, als mich ein Gefühl beschlich und ich mich entschied: Lass es lieber, halt einfach die Klappe. Für mich war einfach klar, meine Ansichten waren hier nicht gefragt. Denn er hörte mir ja gar nicht zu, redete auf mich ein, wollte mich belehren mit Dingen, an die ich mich natürlich nicht mehr erinnere, weil sie mich – auch angesichts ihrer Darreichung – nicht interessierten. Ich fühlte mich in die Mangel genommen. Dieser alte Herr erschien mir irgendwie verstopft und vernünftigen Argumenten nicht zugänglich.

Weil das so war, schrieb ich ihn als Gesprächspartner ab. Was hängenblieb, war die eindrückliche Erfahrung, dass man nicht mit jedem reden kann. Mit anderen Worten: Es gibt bestimmte Voraussetzungen, damit Kommunikation sinnvoll erscheint. Als ich später im Studium Jürgen Habermas begegnete, musste ich an meinen Opa denken.

In seiner Theorie des kommunikativen Handels nimmt Habermas an, dass Sprache im Idealfall einer intersubjektiven und kommunikativen Rationalität folgt. Ihre Bedeutung ist nicht zu unterschätzen, denn sie ist das Band, das die Gesellschaft zusammenhält. Demnach ist die normative Basis der ganzen Gesellschaft in der Sprache verankert. Die ideale Sprechsituation ist eine, in der sich die Beteiligten verständigungsorientiert aufeinander beziehen. Jeder Versuch, Sprache zu benutzen, sie zum Werkzeug für einen Zwecke zu machen, unterläuft diesen Sinn von Kommunikation. Doch was sagt das über den Umgang mit rechten Büchern aus? Rechte Bücher aus Bibliotheken zu verbannen, scheint ja auch nicht sinnvoll. Denn Bücher sind nicht gleich Diskurs und ein freier Zugang zu Gedanken ist wichtig.

Geht man davon aus, dass es rechten Ideologen weniger um die Vernunft geht, und sie dazu neigen, Sprache zu benutzen, ist die Gefahr nicht zu unterschätzen. Wenn die Gesellschaft, wie Habermas annimmt, durch verständigungsorientierte Kommunikation zusammengehalten wird, wirkt eine Instrumentalisierung der Sprache im Umkehrschluss zerstörerisch. Deshalb rät Habermas: „Nur die Dethematisierung könnte dem Rechtspopulismus das Wasser abgraben.“

Simone Schnase über Informationsfreiheit

Verbieten ist der falscheste Weg

Es gibt in Deutschland eine ganze Menge rechtsextremer Literatur, die verboten ist. Gut so! In Deutschland herrscht aber auch die sogenannte Informationsfreiheit, also das Recht, sich aus allgemein zugänglichen Quellen wie Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen oder eben auch Büchern ohne staatliche Beschränkungen zu unterrichten. Sie ist neben der Meinungsfreiheit und Pressefreiheit ausdrücklich als Grundrecht gewährleistet – und auch das ist gut so!

Auch wenn es nervt, dass Thilo Sarrazin und andere bekannte und unbekannte menschenverachtende, nationalistische und teils auch schlicht irre AutorInnen Verlage und LeserInnen finden: Menschen, die das wollen, müssen das Recht haben, auch solche Bücher aus der Bibliothek auszuleihen. Um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Um sich über das Gedankengut Rechter informieren zu können. Um Mitreden zu können. Um die Sprache der Rechten verstehen zu können.

Sie sollten diese Bücher sogar bloß deswegen leihen dürfen, weil sie Spaß haben an der wirren Welt der Aluhutträger. Ja: Selbst Rechte sollten sich diese Bücher ausleihen dürfen! Denn auch sie dürfen lesen (viele von ihnen können das sogar) und auch für sie gilt die Informationsfreiheit. Und ganz vielleicht fällt vereinzelten von ihnen ja sogar auf, welch geistige Diarrhö da so abgesondert wird. Lesen macht ja bekanntlich nicht dööfer.

Das alles bedeutet natürlich nicht, dass es nicht notwendig wäre, aufzustehen und sich einzusetzen gegen Strömungen, die nichts anderes säen als Hass. Aber verbieten ist der denkbar falscheste Weg.

Jan-Paul Koopmann über das Fliegen

Es ist gut, vorbereitet zu sein

Ohne den hysterischen Warnhinweis eines anonymen Buchbekritzlers wüsste ich bis heute nichts über den evolutionären Stand meiner Hirnschaltkreise – und ich hätte nie angefangen, fliegen zu lernen. Vor etwa 15 Jahren, kurz vor Mitternacht, bin ich durch die Oldenburger Uni-Bibliothek geirrt und fand einen hart angeschmuddelten Zettel mit einem roten Ausrufezeichen darauf. Der Zettel steckte in einem unscheinbaren Taschenbuch, in das irgendwer mit Kuli gekrakelt hatte: „Vorsicht vor Scientology Sekten!!!“

Ich glaube nicht, dass ich „Der neue Prometheus“ von Robert Anton Wilson ohne diese Warnung gelesen hätte. Die Botschaft schien unmittelbar aus den sektenverrückten 80ern zu hallen (wobei man da in Oldenburg nicht sicher sein kann), klang aufregend und gefährlich. Im Text geht es um Timothy Leary, Bewusstseinsexperimente und praktische Übungen, um das eigene Bewusstsein fit zu machen für ewiges Leben und so weiter.

Das ist zwar Quatsch, aber einer, von dem sich viel lernen lässt über rationalistischen und irrationalen Wahn, über sich selbst, Gott und den ganzen Rest. Wilson macht mit diesem Buch einen Witz, den er sehr ernst meint. Es ist kompliziert, herausfordernd und tatsächlich nicht ganz ungefährlich. Es führen ja tatsächlich Spuren von Leary zu Aleister Crowley zu L. Ron Hubbard. Überall, wo echte Kicks fürs Bewusstsein zu holen sind, lauern auch Gurus und andere Arschlöcher. Es ist gut, vorbereitet zu sein, wenn man sie trifft. Und ganz ehrlich: Ich bin der heimlichen PR-Kraft mit Kuli und Rotstift bis heute sehr dankbar für ihren heißen Tipp.