die wahrheit: Schweizer und andere Heilige
Von der Finanzkrise lernen heißt Heiligsprechen lernen - der Markt im Kanonisations-Gewerbe ist gesättigt.
Über Glaubensfragen zu disputieren, sollte man tunlich lassen. Meistens blamiert man sich dabei, denn das zur Abgrenzung von Glauben und Wissen Nötige hat Kant schon 1781 dargelegt. Er hat auch jenen Schlaumeiern heimgeleuchtet, die zu "wissen" meinen, dass Gott nicht existiert. Solches "Wissen" ist seither ebenso Glaubenssache wie die Jungfrauengeburt.
Aus aktuellem Anlass muss man das verminte Feld dennoch betreten. Die Verwalter des Glaubens auf Erden sollten die Finanzkrise nützen, über die Bücher und in sich zu gehen. So umfasst ein Lexikon über Heilige in der Kunst 2.376 Seiten - von Aaron bis Zoticus, allein 31 Heilige tragen diesen lebenskräftigen Namen. Und ein biografisches Handbuch der Heiligen enthält fast 40.000 Artikel.
Für die Heiligsprechung war seit dem Jahr 1234 der Papst allein, für die Seligsprechung seit 1588 die Ritenkongregation zuständig. Die genaue Zahl der im Himmel residierenden Seligen und Heiligen kennt niemand. Geschäftsgeheimnis.
So richtig in Schwung kam das Selig- und Heiligsprechen unter Papst Johannes Paul II. Er war Papst seit 1978, und als Generalstabschef diente ihm Joseph Ratzinger, der nun als Benedikt XVI. regiert. Am 26. Februar 1983 hatten Wojtyla und Ratzinger eine Idee. Und damit kommt der Zusammenhang von Selig- und Heiligsprechung mit den Lehren, die die Finanzkrise anbietet, ins Blickfeld.
An jenem Februartag schrieben Wojtyla und Ratzinger eine Apostolische Konstitution mit dem Titel "Divinus perfectionis magister" ("Göttlicher Lehrer der Vervollkommnung") und den Regeln für das Gremium, das die Seligen und Heiligen ausfindig machen soll. Der Kern des Gremiums, die Kongregation für die Heiligsprechung, hat 23 Mitglieder. Dazu kommen Beigeordnete, Berater, Mitarbeiter und glaubensstarke Wissenschaftler - insgesamt 216 Mann. Eine Findungstruppe von doppelter Kompaniestärke.
Die Aufgabe dieses Kommandos ist die Vermehrung der Heiligen. Und das ist ihnen rundweg gelungen. Unter Führung des Duos Wojtyla/Ratzinger sind von 1983 bis 2005 genau 432 Christen heilig- und 1.345 seliggesprochen worden. Das macht im Jahresdurchschnitt 80,7.
Am 12. Oktober 2008 wurde Maria Bernarda Bütler die erste heilige Schweizerin - trotz ihrer Träume, die den "jungfräulichen Zartsinn" schädigen, wie eine Schwester meinte. Eine Woche später fuhr die Großbank UBS ihren Karren an die Wand, die staatliche Notoperation kann 60 Milliarden Franken kosten. Aus finanzkrisengestählter Sicht drängen sich da ein paar Lehren auf. Erstens: Wenn Ratzinger das Tempo hält, das er zusammen mit seinem Vorgänger vorgelegt hat, und wenn er (Jahrgang 1927) noch zehn Jahre weitermacht, dann gibt es bis 2018 genau 807 frische Heilige und Selige. Zweitens: Ökonomisch nennt man das eine Marktsättigung mit der Folge, dass Heilige und Selige entwertet werden. Drittens: Der Kurs der neuen Himmelsbewohner wird sinken. So wie man heute von "Müllpapieren" und "toxischen Finanzprodukten" spricht, wird man dereinst von "Müllseligen" und "Giftheiligen" reden. Woraus börsenlateinisch folgt: Ein Stellenabbau bei der Findungstruppe ist unumgänglich.
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