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Nicht gewollt

■ Berlin stolpert über alte Verhaltensmuster KOMMENTAR

Walter Momper darf aufatmen. Nachdem die renitenten Besetzer der Mainzer Straße geräumt worden sind, wird Eberhard Diepgen es schwer haben, dem Bürgermeister Handlungsunfähigkeit beim Umgang mit Hausbesetzern vorzuwerfen. Vor diesem Hintergrund, dem Sachzwang »heiße Wahlkampfphase«, steht das Handeln Mompers und Pätzolds. War es zwingend notwendig, in der Pfarrstraße zu räumen? Hätten in Friedrichshain nicht alle Möglichkeiten ausgereizt werden müssen, das Vermittlungsangebot Ostberliner Bürgerrechtler zu nutzen, und so die die Situation zu deeskalieren?

Man hat es nicht gewollt. Nicht im Rathaus, nicht in der Mainzer Straße. Beide Seiten sind in Verhaltensmuster zurückgefallen, die längst überwunden schienen. Hier das überholte (weil erfolglose) Ritual des Straßenkampfes, dort die einfältige Reaktion von einst: Knüppel aus dem Sack. Wieder vergessen Regierende, daß mit der Räumung weder die Personen verschwunden sind, zu deren Lebensentwurf manchmal eben auch das Piesacken des übermächtig erscheinenden Staates gehört, noch die Wohnungsnot als Bodensatz für das Besetzen leerstehender Häuser.

Die SPD-Strategen haben dem befürchteten Druck der Stammtische nicht widerstanden. Dazu gehört auch der flegelhafte Umgang mit dem Koalitionspartner. Noch hat sich kein sozialdemokratischer Regierungschef ähnliche Alleingänge erlaubt, wenn er etwa mit der FDP in einem Boot saß. Als Regierungspartei mit 12 Prozent der Wählerstimmen im Rücken in einem solch gravierenden Fall nicht einmal informiert worden zu sein, läßt für die AL nur eine Antwort zu — die Koalition zu verlassen. Was hat sie schon zu verlieren. Momper pfeift auf eine Fortsetzung des rot-grünen Experimentes, und innerhalb grün-alternativer Kreise geht es schon unhöflich genug zu. Da brauchen sie den Lümmel mit dem roten Schal nicht auch noch. Axel Kintzinger

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