■ Warum Antibabypillen trotz aller Kritik geschluckt werden: Riskante Sicherheit
Natürlich ist der Skandal um das Hormonpräparat „Diana 35“ des Schering-Konzerns auch Anlaß, sich über die Beschwichtigungspolitik des Pharma-Riesen zu empören. Doch auch das Bundesinstitut für Arzneimittel, welches das Prüfungsverfahren selbst einleitete, agiert merkwürdig unentschlossen und abwiegelnd: Die Hunderttausende von Frauen, die allein in der Bundesrepublik „Diana 35“ schlucken, sollen, so heißt es, nicht in Panik versetzt werden. Aber Verunsicherung tut gerade not!
Vor zehn, fünfzehn Jahren war durch die kritische Gesundheits- und die Frauenbewegung unüberhörbar in der Diskussion, daß Frauen immer ein gesundheitliches Risiko eingehen, wenn sie hormonell verhüten. Und kritisch hinterfragt war auch, daß das mechanische Pillenschlucken mit Selbstentfremdung zu tun habe und den bewußten Umgang mit Sexualität und sexuellen Bedürfnissen eher behindert als fördert. Eine Debatte also um ein anderes Verständnis von Sexualität, von Eigenverantwortung für Körper und Gesundheit und nicht zuletzt auch der Verantwortung von Männern für die Verhütung. All das scheint wie aus der Welt zu sein. Auch bei den jungen Frauen, die – als hätte es all die Diskussionen nicht gegeben – voll und ganz auf die Pille setzen und für die „Diana 35“ gleichzeitig ein bequemes Anti-Akne-Mittel ist.
Daß eine 17jährige sicher verhüten will, daß ihr eine reine Haut wichtig ist, wer will es ihr verdenken? Wütend macht eher, daß diejenigen, die es besser wissen müßten, sich keine Gedanken machen. Was passiert eigentlich in den Schulen in puncto Aufklärung? Wird da unter Verhütung die Pille abgehakt und basta? Was passiert in den Praxen der Frauenärzte und -ärztinnen? Wer nimmt sich die Zeit, über Alternativen aufzuklären, wer bespricht in Ruhe Risiken und erläutert auch, daß es absolute Sicherheit in der Verhütung ohnehin nicht geben kann und es sehr viel sinnvoller ist, auf gesundheitlich unschädliche Alternativen wie das Kondom oder das Diaphragma zurückzugreifen? Aber in einer Gesellschaft, in der Abtreibungen immer noch verteufelt werden, ist das Bedürfnis der Frauen und gerade der jungen Frauen nach größtmöglicher Sicherheit nur zu verständlich.
So schließt sich der Kreis. Das Sicherheitsbedürfnis von Frauen, die Bequemlichkeit der Ärzteschaft und die Umsatzinteressen der Pharmaindustrie gehen eine unheilige Allianz ein. Auf der Strecke bleiben Eigenverantwortung und Gesundheitsschutz von Frauen. Helga Lukoschat
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