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Recht auf Leben für Mädchen

■ Indien: Verbot vorgeburtlicher Geschlechtsbestimmung soll Abtreibung weiblicher Föten verhindern. Immer weniger Mädchen kommen auf die Welt

Neu Delhi/Berlin (AFP/dpa/ taz) – In Indien ist rückwirkend zum 1. Januar ein Gesetz in Kraft getreten, das verhindern soll, daß Tests zur vorgeburtlichen Geschlechtsbestimmung zur Abtreibung weiblicher Föten mißbraucht werden. Wie in dieser Woche bekanntgegeben wurde, muß mit drei Jahren Haft und einer Geldstrafe von mindestens 450 Mark – zwei durchschnittliche Monatslöhne – rechnen, wer gegen das Gesetz verstößt. Außerdem dürfen Ärzte den Eltern nach einem solchen Test, der aus medizinischen Gründen notwendig sein kann und vor allem über Geburtsfehler Auskunft geben soll, nicht mehr das Geschlecht ihres Kindes mitteilen.

Nach Angaben von Ärzten und Frauenrechtlern werden in Indien jedes Jahr 250.000 weibliche Föten abgetrieben. Zahlreiche Kliniken für Geschlechtsbestimmungs-tests sind in den vergangenen Jahren eröffnet worden. „Investieren Sie jetzt 500 Rupien (20 Mark), um später 500.000 Rupien zu sparen“, hieß es in landesweit verbreiteten Anzeigen solcher Einrichtungen, in denen sich Ärzte durch Schnelltests mit anschließender Abtreibung ein beträchtliches Zubrot verdienten. Dabei stehen die 500 Rupien für Test und Abtreibung, die 500.000 für das Großziehen eines Mädchens, das vor allem im ländlichen Indien als wirtschaftliche Belastung gilt. Eine Tochter zu bekommen, das bedeutet für viele Familien unausweichlichen Ärger und Verschuldung. Eltern müssen sich schwer verschulden, um die erwartete Mitgift bei der Verheiratung ihrer Töchter aufzunehmen. In der letzten Zeit sind die Forderungen der künftigen Ehemänner rapide angestiegen. Junge Frauen werden mißhandelt oder getötet, wenn sie nicht genug Geld einbringen. Gegen diese Entwicklung kämpfen indische Frauengruppen, die auch seit Jahren die Kampagne gegen die vorgeburtliche Geschlechtsbestimmung geführt haben.

Der Boom der Abtreibungskliniken in Indien hatte weltweiten Alarm ausgelöst. Nach einem Bericht der Weltbank über die Lebensbedingungen von Frauen hat Indien aufgrund dieser Praktiken und der weitverbreiteten Tötung weiblicher Neugeborener und gezielten Vernachlässigung von Mädchen etwa 75 Millionen Frauen weniger, als demographisch zu erwarten wäre. Bei den Geburten kamen im Jahr 1991 auf 1.000 Jungen nur noch 929 Mädchen. Sollte dieser Trend anhalten, könnten nach Expertenanalysen im Jahr 2050 ein Drittel weniger Mädchen als Jungen geboren werden.

Nicht nur in Indien, sondern auch in anderen Ländern hat die Abtreibung weiblicher Föten in den vergangenen Jahren sehr zugenommen. Vor allem in Asien. Dazu hat in China, wo sie ebenfalls verboten ist, die Ein-Kind-Politik stark beigetragen. Im aufstrebenden Südkorea ist diese Entwicklung nicht der Armut, sondern dem immer noch finster herrschenden Patriarchat geschuldet. li

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