In Rotenburg gibt es eine Schule für geistig behinderte und verhaltensaufällige Kinder. Als auf der Lehrerkonferenz über „sexuellen Missbrauch“ unter den Kindern berichtet wird, erinnert die Schulleiterin an die Schweigepflicht. Nur wenige trauen sich, das Schweigen zu brechen: „Wir hatten Schwerstfälle von Tätern.“ ■ Von Gaby Mayr

„Sexueller Missbrauch untereinander“

Pause in der Bernhard-Röper-Schule im niedersächsischen Rotenburg. Einige Lehrkräfte der staatlich anerkannten Privatschule für geistigbehinderte und verhaltensauffällige Kinder stehen zusammen, als eine Erzieherin die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sie berichtet von einem Vorfall in einem der Heime, aus denen die meisten Schülerinnen und Schüler zwischen sechs und 18 Jahren kommen. Das Stichwort „Rudelbumsen“ fällt.

Das war vor gut drei Jahren. Zu der Zeit sorgten weitere Informationen von Erziehern aus den vier Häusern der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendheime Rotenburg für Unruhe im Lehrerkollegium: Jungen versuchten Mädchen mit Schokolade zu sexuellen Handlungen zu bewegen, wurde im Lehrerkollegium berichtet. Die wenigen Mädchen unter den gut 80 Heimkindern bekommen die Pille, sobald ihre Menstruation einsetzt. Ein Siebzehnjähriger hatte Geschlechtverkehr mit einer Zehnjährigen, die vor ihrer Heimeinweisung als Opfer sexuellen Miss-brauchs in der Psychiatrie war. Die Lehrkräfte erfahren davon durch ErzieherInnen aus den Heimen, die morgens ihre Schützlinge zur Schule bringen und sie mittags wieder abholen.

Im Sommer 1998 ist die Sexual-erziehung der Heimkinder Thema einer Lehrerkonferenz. Marion F.(*) sagt, sie könne den üblichen Sexualkundeunterricht nicht mehr wie bisher erteilen, nachdem sie von „sexuellem Missbrauch der Kinder untereinander“ erfahren habe, so steht es in den uns vorliegenden Konferenzprotokollen vom 11.6. und 9.7.1998. Ein Kollege „bekräftigt“ ihre Äußerung.

Statt mit Information und Weiterbildung für die überforderten Lehrkräfte, reagiert die Leitung der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendheime Rotenburg mit staatlich anerkannter Bernhard-Röper-Schule, die von einem Verein überwiegend ortsansässiger Bürger getragen werden, mit Disziplinarmaßnahmen. Die Schulleiterin verteilt ein Schreiben, in dem sie die Mitglieder des Kollegiums auf ihre Schweigepflicht hinweist. Heimleiter Michael Spindler äußert während einer Konferenz, dass „Störungen in den Betrieb getragen wurden“ (Konferenzprotokoll vom 9.7.) und schickt Abmahnungen an Marion F. und ihren Kollegen.

„Der Heimleiter kommt morgens und guckt, ob die Zahnbürsten feucht sind und die Kinder die Zähne geputzt haben. Aber ob sie sich gegenseitig vergewaltigen, darauf wird nicht geachtet“, beschreibt ein Pädagoge den Heimalltag. „Wir haben es dort mit sexueller Gewalt über Monate hinweg, sexuellem Missbrauch und Vergewaltigungen zu tun. Wir hatten Schwerstfälle von Tätern.“

Ein Junge war nach Rotenburg ins Heim gekommen, weil er zu Hause sexuell missbraucht wurde. Im Heim wurde er erneut Opfer sexueller Gewalt. Schließlich wurde er selber zum Täter. Die ErzieherInnen hielten den Zwölfjährigen für so gefährlich, dass sie sich bemühten, ihn nicht aus den Augen zu lassen, während sie bundesweit einen Platz in einer anderen Einrichtung für ihn suchten. Gezielte therapeutische Maßnahmen für den Jungen gab es ebenso wenig wie für andere Jungen, die sexuell gewalttätig waren.

Ein Vierzehnjähriger war bekannt für seine sexuellen Übergriffe, die er an kleineren Jungen verübte. Trotzdem gab ihm ein Erzieher den Schlüssel zur Toilette und ließ ihn alleine. Prompt miss-brauchte er dort erneut einen der kleineren Jungen.

„Missbrauchsgeschichten stehen bei uns nicht im Vordergrund“, sagt der stellvertretende Heimleiter Rudolf Oeder über die Einweisungsgründe seiner Klientel. Die Kinder würden vor allem wegen Verwahrlosung und aggressivem Verhalten ins Heim eingewiesen. Weil es in den Vorgeschichten angeblich kaum sexuelle Gewalterfahrungen gibt, ist Sexualität jenseits von Aufklärungsunterricht in Michael Spindlers Heim kein Thema. Der Heimleiter, der nach einhelliger Auskunft in Heim und Schule den Ton angibt, war für die Presse nicht zu sprechen.

Bei Heimeinweisungen werden sexuelle Gewalterfahrungen in der Vorgeschichte oft nicht ausdrücklich formuliert, weiß dagegen der Behinderten- und Sexualpädagoge Joachim Walther von der Fachhochschule Freiburg: „Ich würde eher Missbrauch unterstellen, vor allem bei Einweisung wegen Vernachlässigung, als ihn von vornherein außen vor zu lassen.“ Rainer Dormann vom Verband für anthroposophische Heilpädagogik weiß als Praktiker, dass bei Heimkindern „früherer sexueller Missbrauch in der Familie oder Pflegefamilie eine große Rolle spielt.“

In Rotenburg wurden auch nach bekannt gewordenen Übergriffen Täter und Opfer nicht getrennt. Hilfe und Schutz für die Opfer gab es nicht. „Für alle ist sichtbar, dass dem Täter nichts passiert“, sagt Thilo H.(*) Während einer Klassenfahrt versuchte ein Jugendlicher ein etwa gleichaltriges Mädchen zu vergewaltigen. „Die vergisst das ja schnell wieder“, habe die Schulleiterin den Übergriff auf der Konferenz nach der Klassenfahrt kommentiert, erinnert sich Lehrerin Veronika A.(*). Außerdem habe die Schulleiterin über das Mädchen gesagt: „Die zieht sowieso öfter den Pullover hoch.“

Veronika A. bekam von einem Dreizehnjährigen aus ihrer Gruppe einen Zettel zugeschoben. „Ich werde von Felix (*) schon mehrere Monate sexuell missbraucht“, stand auf dem aus einem Schulheft herausgerissenen Blatt. Sie solle aber „nichts weitersagen“. Veronika A. hielt sich an die Bitte des Jungen. Erst wenn sie von weiteren Übergriffen erfahren hätte, hätte sie etwas unternommen. „Aber bei vielen Dingen ist man einfach überfordert“, stellt die Lehrerin fest.

Hilfe beim Umgang mit sexueller Gewalt bietet die bundesweit bekannte Beratungsstelle Wildwasser an, die auch ein Büro in Rotenburg unterhält. Beschäftigte der Rotenburger Kinder- und Jugendheime können sich Rat dort allerdings nur privat holen.. „Wildwasser verfolgt völlig andere pädagogische Konzepte“, sagt Rudolf Oederabweisend. Eine Initiative von Lehrkräften, Jungenarbeit anzubieten, bei der es um Ängste und Gefühle, Körperlichkeit und Sexualität gehen sollte, blockte die Heimleitung ab. Das sei ein Versuch gewesen, „das Thema eher so ein bisschen aus der universitären Ecke aufzubereiten“, urteilt Oeder.

Statt Jungenarbeit zuzulassen versuchte Heimleiter Spindler, Kritiker mundtot zu machen, indem er ihre Angst um den Arbeitsplatz schürte. „Wenn in der Öffentlichkeit so was bekannt wird, dann gerät das Heim womöglich in Verruf und muss schließen, wenn die Jugendämter keine Kinder mehr zuweisen“, fasst eine betroffene Erzieherin die Argumentation der Heimleitung zusammen, mit der die die Disziplinarmaßnahmen während des Konflikts von 1998 begründete. Heimleitungsmitglied Rudolf Oeder kann sich drei Jahre später eine derartige Äußerung nicht vorstellen. „Gottseidank“ würden an die 35 Jugendämter Kinder schicken: „Wir sind also nicht erpressbar von einem einzelnen Amt.“

*) Namen geändert