: Anti-Gentech auf Italienisch
Anlässlich einer Biotechnologie-Messe mobilisiert sich in Italien erstmals öffentlicher Widerstand gegen Gentechnik. Mit Erfolg: Der versuchsweise Anbau transgener Kulturen soll gestoppt werden und die Messestadt Genua wird transgenfreie Kommune
aus Rom MICHAEL BRAUN
„Machen wir Genua zum italienischen Seattle!“ – unter diesem Motto trommelten gleich 400 Organisationen diese Woche zum Protest gegen „TeBio“, gegen die Biotechnologie-Tagung, die von Mittwoch bis Freitag in der norditalienischen Hafenstadt stattfand. Und tatsächlich glichen die Bilder aus Genua denen von Seattle aufs Haar: ein hermetisch abgeriegeltes Tagungszentrum, drinnen nervöse Teilnehmer, draußen gut gelaunte Demonstranten, von den Jugendlichen der Autonomen Zentren und den Ökologiegruppen bis zu Bauern, die Schubkarren voller Kuhmist vor sich herschoben, und drum herum tausende Polizisten – eine Stadt im Belagerungszustand.
Eigentlich hatten sich die Veranstalter die Tagung – eine Mischung aus Kongress und Verkaufsschau der Biotech-Konzerne – ganz anders vorgestellt. „Verständnis wecken für die Notwendigkeit, in unserem Land Biotechnologien auf industrieller Skala voranzutreiben“ sollte die TeBio, so Leonardo Santi, Präsident des Hauptveranstalters, des Forschungsinstituts Centro Biotecnologie Avanzate. In der Tat fand bisher in Italien das Thema transgene Lebensmittel so gut wie keine öffentliche Aufmerksamkeit. In der Forschung wie der industriellen Entwicklung genmanipulierter Aussaaten spielt das Land eine marginale Rolle. Andrerseits aber eroberte sich Italien still und leise hinter Frankreich den zweiten Platz in der EU bei Freilandexperimenten mit transgenem Obst und Gemüse: Auf gut 150 Versuchsfeldern, betrieben meist von italienischen Töchtern der Biotech-Multis Monsanto, Novartis etc., wachsen genetisch veränderte Kirschen, Kiwis, Oliven, Auberginen, Reis, Mais oder Soja. Mit der Heimlichtuerei wollten die Veranstalter der TeBio jetzt Schluss machen und unter dem angegrünten Slogan „Sich informieren ist natürlich“ Konsens für Gen-Food schaffen.
Dieses Anliegen ist gründlich misslungen; TeBio schuf Öffentlichkeit nicht für die Befürworter, sondern für die Gegner. Auch sie hatten bisher mit dem Desinteresse von Medien und Bürgern zu kämpfen. In Genua gelang ihnen jetzt, eine breite Protestfront weit über das traditionelle Öko-Milieu hinaus zu schaffen; bei den Demonstrationen waren katholische Organisationen wie Pax Christi ebenso dabei wie die Feinschmecker von „Slow Food“ oder der konservative Bauernverband Coldiretti, der die Kampagne „Sichere Saat“ ins Leben gerufen hat. Der Protest zeigt Wirkung: Zwei Tage vor Beginn der TeBio erklärte sich die Stadt Genua – Mitveranstalterin der Messe – zur transgenfreien Kommune, und auch Italiens Regierung rückte von der Biotech-Schau ab. Zwar firmierte der Ministerpräsident als Schirmherr, kein einziges Kabinettsmitglied aber ließ sich in Genua sehen. Und der grüne Landwirtschaftsminister Alfonso Pecoraro Scanio erklärte, transgene Kulturen in Italien verstießen gegen das nationale Interesse eines Landes, das weltweit für landwirtschaftliche Qualitätsprodukte bekannt sei. Er erwägt jetzt ein generelles Verbot auch des experimentellen Anbaus transgener Kulturen.
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