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Annabelle Hirsch Air de ParisDie alte Leier vom stetigen Niedergang der Kultur

Es war an einem Abend vor Kurzem, da herrschte auf der Rue de Médicis im bourgeoisen 6. Arrondissement von Paris Aufruhr: Auf der einen Seite direkt vor dem Zaun des Jardin du Luxembourg standen junge Menschen mit Protestplakaten, auf denen stand „Nein zum (intellektuellen) Faschismus!“, umringt von Polizisten. Auf anderen eine Menschentraube, zusammengesetzt aus ebenfalls jungen Frauen und Männern, die sich an ein weißes Buch klammerten, vereinzelt auch ältere Herren in Schlips und einige schicke Damen. Auch sie waren umringt von Polizei, hinter ihnen lag die Tür einer Buchhandlung, vor der zudem Bodyguards postiert waren.

Was ist da los, fragte ich eine junge Frau um die 20: „Éric Zemmour signiert sein neues Buch!“, antwortete sie so ergriffen, als tanze Beyoncé gleich etwas vor. Nun muss man den Lesern kurz erklären, wer Zemmour ist. Er ist das, was man in Frankreich einen Polemiker nennt, jemand, der sich in TV, Radio und den Zeitungsmedien hinstellt und Dinge herausschreit, die angeblich ganz viele leise denken, sich nur nicht zu sagen trauen. Vielen bereitet Zemmour allerdings nur Kopfschmerzen. Etwa, die ewige, dem Deklinismus verschriebene Leier, dass Frankreich dem Niedergang geweiht sei. Dass es seine Kultur, seine Literatur, seine berühmte art de vivre, überhaupt seinen Glanz verliert. Und natürlich, dass das sehr traurig ist. Die Verantwortlichen kennt man schon: die Immigration (er selbst ist algerischer Jude), die bösen Gutmenschen, die Globalisierung etc. Ein paar Tage zuvor hatte er eine Talkshow-Moderatorin angegriffen, indem er meinte, ihr Name, Hapsatou Sy, sei eine Beleidigung für Frankreich. Weil, so Zemmour, alle Franzosen nach dem Heiligenkalender benannt werden sollten. Und damit hatte er natürlich für einen Skandal gesorgt.

Einen über den die Anwesenden dieser Signierstunde (die in einer frisch eröffneten, den „neuen Rechten“ verschriebenen Buchhandlung stattfand) nur milde lächelten. Und offenbar nicht nur sie: Seit Wochen steht Zemmour mit seinem „Destin français“ auf den Verkaufslisten toujours auf Platz eins. Seine Käufer, so bewies dieser Abend, findet man nicht nur unter den sogenannten Abgehängten, sondern auch unter den jungen Bourgeois des 6. Arrondissements.

Annabelle Hirsch ist freie Autorin in Paris

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