Anna Fastabend Midlife Monologe:
Foto: Ulrich Roth/imago
Wir besuchen den Willi, der ein alter Freund von A. ist. Willi wohnt in einem grau verputzten Haus, 10 Meter vom Ufer der Alten Donau entfernt. Als sich die Gartentür öffnet, steht ein kleiner, braun gegerbter Mann mit blond-brauner Udo-Jürgens-Frisur vor mir. Der 83-Jährige ist ein Original, das merke ich sofort. „Wenn ich gewusst hätte, dass eine so schöne Dame vorbeikommt, dann hätt‘ i ma was Gscheids‘ anzogen“, sagt er, der Rest geht in Wiener Dialekt unter.
Willi führt uns in den 1. Stock, wo er in einer Art Einliegerwohnung lebt, nicht erst seitdem seine Tochter samt zweieiigen Zwillinge und Mann den Rest des Hauses übernommen hat. Willi zeigt uns sein Schlafzimmer mit Einzelklappbett. In der Ecke ein Schreibtisch mit Erinnerungsstücken, links ein Kleiderständer. „Richtig wohnlich habe ich es momentan nicht“, sagt er selbstironisch. Ich winke ab: „Dein Zimmer sieht aus wie meins. Nicht fertig, dafür luftig.“
Bis zu seinem Herzinfarkt ging Willi das ganze Jahr hindurch über die Straße, um im Fluss zu schwimmen. Neuerdings gibt es Tage, an denen er nur dem Karli einen Besuch abstattet. Karli ist ein Karpfen, der mittlerweile größer als ein Ferkel sein soll. „Kaaaaarli“, ruft Willi dann immer und pitscht mit der Hand aufs Wasser. Doch heute können wir nicht zu Karli: Die Junge ÖVP nimmt ein Getränk am Privatstrand zu sich, wo einst Sebastian Kurz saß und vom Aufstieg träumte.
Von Willis Balkon blicken wir über den verwunschenen Garten mit den alten Obstbäumen, dahinter verstellen Hochhäuser den Horizont. Willis Eltern errichteten das Haus zu einer Zeit, als drumherum noch alles Wiese und Schotterweg war. Heute ist sein Grundstück ein letztes Refugium zwischen den obszönen Villen der Wiener Schickeria. Willis bisheriges Leben war über weite Strecken wie das eines Löwenzahns im Zwischenraum: „Ich bin froh, nie Karriere gemacht zu haben“, sagt er in die laue Sommernacht hinein. Er widmete seine Zeit vor allem der Natur, den Pferden und seinem Hund.
Im Staunen über das Willi-Universum muss ich an die Korrekturleserin Frau Liedtke denken. Auch sie war eine Lebenskünstlerin, die allerdings nicht in Wien, sondern in der DDR aufwuchs. Ihre Kindheit verbrachte sie im zur NVA-Kaserne umfunktionierten Nazi-Seebad Prora und arbeitete später für viele Jahre als Sekretärin am Institut für Forstökologie in Eberswalde.
Als ich sie 2014 bei meinem Volontariat in der Märkischen Oderzeitung kennenlernte, schloss ich sie sofort in mein Herz. Frau Liedtke war damals längst im Ruhestand, aber verdiente sich zu ihrer Rente etwas dazu. Auf ihrem Schreibtisch lag stets ein Duden mit Rotstift. Wenn es stressig wurde, rauchte sie heimlich im Schrank oder snackte Röstzwiebeln direkt aus der Verpackung, weshalb es in ihrem Büro meist fürchterlich stank.
Das wohl Bemerkenswerteste an ihr war aber, dass sie immer fröhlich wirkte. Auf ihrem alten Wagen hatte sie jede Beule mit einem Blümchen überklebt. „In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks“, steht auf einer Geburtstagskarte, die sie mir einmal schenkte. Während Corona munterte sie mich mit energischen Worten und Katzenvideos auf. Eines Tages schrieb mir ihre Tochter, dass sie einen Herzinfarkt gehabt habe, den sie – im Unterschied zu Willi – nicht überlebt hat.
Foto: Karolina El Lobo
„Essen ist fertig!“, ruft A., der Willis viel gerühmten Eierreis überwacht hat, während ich mit ihm auf dem Balkon stehe. Ich blicke ein letztes Mal in den Himmel und höre plötzlich Frau Liedtke: „Mahlzeit, Kinnas! Ein paar Röstzwiebeln, vielleicht?“
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