Angriff auf die Pressefreiheit: Französischer Journalist in der Türkei festgenommen
Ein französischer Reporter wurde in der Türkei verhaftet und für drei Tage festgehalten. Der Fall beunruhigt ausländische Korrespondenten im Land.
Der französische Journalist Raphael Boukandoura wurde am Montagnachmittag am Rande einer Demonstration verhaftet und für drei Tage festgehalten. Nachdem ihm zuvor mit einer Deportation nach Frankreich gedroht worden war, kam er am Mittwochabend überraschend doch frei.
Ob ihm noch eine Anklage droht, ist unklar. Raphael Boukandoura war am Montag im Auftrag der französischen Zeitung Liberation zur Beobachtung einer Demonstration, zu der die kurdische DEM-Partei aufgerufen hatte, unterwegs, als er am Rande der Demo plötzlich verhaftet wurde. Es ging um einen Protest gegen die Angriffe auf die kurdischen Siedlungsgebiete in Nordostirak, wo die kurdische SDF seit Tagen gegen syrische Regierungstruppen kämpft, die in die bislang von Kurden kontrollierte Gebiete vordringen.
Das Thema ist brisant. Während viele Kurden in der Türkei ihre Verwandten, Freunde und Bekannte in Syrien unterstützen, ist die türkische Regierung völlig auf der Seite der syrischen Regierungsmilizen. Obwohl unklar war, was Boukandoura überhaupt vorgeworfen wird, wurde er zunächst in Polizeihaft festgehalten und dann in ein Zentrum für Abschiebungen überstellt.
Raphael Boukandoura lebt seit mehr als zehn Jahren in der Türkei. Er ist offiziell akkreditiert, hat einen Presseausweis und eine gültige Aufenthaltserlaubnis. Er hat eine türkische Lebenspartnerin, mit der zusammen er ein kleines Kind hat. Die französische Botschaft und etliche Journalistenverbände protestierten gegen seine Festnahme und eine mögliche Ausweisung. Der türkische Vertreter von Reporter ohne Grenzen, Erol Önderoğlu, nannte seine Festnahme völlig unverständlich.
Protest gegen Festnahme
Gerüchteweise soll ihm vorgeworfen sein, er hätte „Slogans“ gerufen oder er hätte Polizisten fotografiert. Boukandoura arbeitet für verschiedene französische Medien. Auch Arte protestierte öffentlich gegen die Festnahme ihres Korrespondenten. Am Ende wollten die türkischen Verantwortlichen dann wohl doch keinen Eklat mit der französischen Regierung riskieren und ließen den Journalisten wieder frei. Ob die Staatsanwaltschaft dennoch Anklage gegen ihn erheben wird, ist unklar, aber zumindest droht Boukandoura, dass er seine Akkreditierung verliert.
Der Fall beunruhigt die gesamte Community ausländischer KorrespondentInnen. Nachdem es in den vergangenen zehn Jahren, insbesondere in den Jahren nach dem Putschversuch 2016, mehrfach zu Ausweisungen und der Ablehnung von Akkreditierungen gekommen war, wurden in den letzten vier bis fünf Jahren keine solchen Fälle mehr unter den fest akkreditierten europäischen KorrespondentInnen bekannt.
Im Moment läuft noch das Verfahren für die Genehmigung der Presseausweise für 2026. Während einige KollegInnen ihre Dokumente bereits bekommen haben, warten andere noch. Angesichts der Kämpfe in Nordsyrien steigen auch die Spannungen zwischen Kurden und der türkischen Regierung wieder, obwohl der „Friedensprozess“ mit der PKK offiziell weitergeht. Die Berichterstattung über die „Kurdenfrage“ war in der Vergangenheit oft ein Grund dafür, dass ausländische KorrespondentInnen Schwierigkeiten bekamen.
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