: Anders Lernen als Modellversuch
■ Niedersächsische Grundschüler dürfen anders lernen
Steven sitzt in der Teppichecke auf dem Boden und spielt mit bunten Karten. Svenja kämmt ihre Puppe, die sie von zu Hause mitgebracht hat — Schulalltag in der Grundschule Edemissen. Nicht heimlich spielen die beiden Siebenjährigen mitten im Unterricht, ihre Klassenlehrerin Annette Chmielewsky schaut zu. Der Unterricht in Edemissen hat neue Formen angenommen, seit sich die Grundschule an einem Schulversuch „volle Halbtagsschule“ beteiligt. Nach Beginn des Schuljahres zieht Schulleiter Ulrich Jacobi ein erstes Fazit: „Die ersten Veränderungen begeistern alle.“
Insgesamt 44 Schulen in Niedersachsen erproben in diesem Jahr eine neue Kombination aus Unterricht, Spiel und pädagogischer Betreuung. Über drei Millionen Mark jährlich kosten nach Angaben des Kultusministeriums allein die dafür zusätzlich eingestellten Lehrer. Eingeführt worden war die „volle Halbtagsschule“ schon 1989 von der alten Landesregierung, damals zunächst nur an drei Grundschulen. Nach einer Zielvorgabe des Kultusministeriums sollen bis zum Jahre 2010 alle niedersächsischen Grundschulen nach diesem Modell arbeiten. Die Kernidee der vollen Halbtagsschule besteht darin, daß die Kinder an jedem Schultag ohne Ausnahmen fünf beziehungsweise sechs Stunden in der Schule bleiben. Dies kommt vor allem den Eltern zugute, die so eher Halbtagsbeschäftigungen annehmen können, da sie ihre Kinder bis zur einer bestimmten Tageszeit sicher beschäftigt wissen. Doch auch aus pädagogischer Sicht soll die „volle Halbtagsschule“ Vorteile bieten und mehr Raum für freie Lernformen lassen.
In Edemissen kam die Initiative zur Beteiligung an dem Schulversuch vom Lehrerkollegium. „Wir wollten die Ansätze von Reformpädagogik, die wir schon vereinzelt ausprobiert haben, nun im richtigen Rahmen verwirklichen“, berichtet Jacobi. Nun setzt sich Annette Chmielewsky morgens mit ihrer Klasse in einen Kreis und bespricht, was an diesem Tag geschehen soll. Die Lehrerin gibt oft nur kurze Einführungen in neuen Unterrichtsstoff. Dann bekommen die Schüler für ihre neuen persönlichen Karteikästen Arbeitsblätter oder Lernspielaufgaben, die sie mehr und mehr selbständig lösen und gegenseitig oder alleine kontrollieren sollen. Wer mit seinen Aufgaben fertig ist, kann spielen und wer zuerst spielen und dann arbeiten möchte, darf auch das. Dazu stehen besonders die sogenannten Freiarbeitsstunden zur Verfügung. Der Vorteil: die Lehrerin kann sich mehr Zeit für Einzelne und Schwächere nehmen. Aber — drücken sich die Kinder jetzt nicht einfach um die Arbeit? „Nein, die wollen ja etwas lernen“, berichtet Annette Chmielewsky. „Die sind gar nicht zu bremsen und wollen oft immer mehr Aufgaben. Sie haben richtig Spaß am Lernen.–
Der sogenannte „offene Unterricht“, der den Schülern mehr Freiraum für selbständiges Arbeiten und eigenes Experimentieren läßt, stammt eigentlich aus der Reformpädagogik der dreißiger Jahre. „Im Prinzip sind solche Unterrichtsformen auch in jeder Schule machbar, nicht erst seit dem Schulversuch“, meint Schulleiter Jacobi. Der entscheidende Unterschied besteht nach Meinung des Rektors aber darin, daß er durch den Schulversuch nun mehr Lehrkräfte zur Verfügung habe und endlich moderne Lehrmaterialien anschaffen und die Klassenräume habe umgestalten können. Ohne den zusätzlichen Lehrer, da ist sich Jacobi sicher, sei der höhere Betreuungsaufwand nicht zu bewältigen. dpa
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