Berliner Szene: Alt feiern
Vernünftig
Ein prächtiger Samstagabend: Nach längerer Zeit gehe ich mal wieder in einen Club, ins Mensch Meier. Elektro, bum, bum, wir sitzen draußen im Garten und quatschen. Ein junger Typ setzt sich, eigentlich fällt er, neben uns. „Und warum seid ihr hier?“ Seine Augen sind verschwommen und treffen meine Augen nicht, als er versucht mich anzugucken. Entweder hat er zu viel getrunken oder was anderes zu viel gemacht.
Der junge Typ will sich eine Zigarette drehen, lässt den Tabak fallen und fragt uns, ob wir seinen Tabak gesehen haben. Mittlerweile liegt er fast. Er scheint sich unwohl zu fühlen. Ich reiche ihm meine mit Wasser gefüllte Bierflasche. „Hier, kannst du ruhig leer machen. Du solltest auch mal Wasser trinken, mein Junge.“ Meine Freundin J. lacht laut: „Mein Junge! Wie viel älter sind wir? Ein paar Jahre vielleicht.“ Nun entwickele ich also beim Tanzengehen mütterliche Gefühle für Druffies.
Der junge Typ sagt Danke, trinkt und kippt den Rest auf meine Tasche. „Ich geh mal wieder rein“, meint er und stolpert weg. Wir tauchen auch in den Nebel und Schweiß. Richtig schön harte Musik. Wir tanzen und bleiben nüchtern vom Zappeln und Schwitzen. Als wir irgendwann gehen, drückt sich die Sonne leicht durch die Kälte des Morgens. Vor einer Weile hätte ich sie in voller Pracht gesehen, weil ich länger blieb. In der Ringbahn sitzen wie immer die ArbeitnehmerInnen, die frisch geduscht riechen. Irgendwann bin ich zu Hause. Im Badezimmer scheint die Sonne durchs Fenster. Der Spiegel ist brutal an diesem Morgen. Er zeigt mir auf einmal Fältchen um die Augen. Mein Blick fällt auf meine Antifaltencreme, die ich zum 27. Geburtstag bekommen habe. Ich betupfe sachgerecht die Augenpartie, tupfen, nicht schmieren wurde mir befohlen und gehe schlafen.
Marion Bergermann
Nur noch 430 – dann sind wir 50.000
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 430 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen