Als billige Arbeitskräfte begehrt: Ohne Rechte

In der Coronakrise werden Migrant*innen im Tourismus ausgebeutet. Ein Gespräch mit Christiane Kuptsch von der Internationalen Arbeitsorganisation.

Ein Arbeiter reinigt den Pool eines Hotels

Ein Arbeiter reinigt den Pool eines Hotels in Rio de Janeiro – inmitten der Hochphase von Covid-19 Foto: Ricardo Moraes/reuters

taz: Frau Kuptsch, zehn Prozent aller Arbeitsplätze weltweit sind – oder waren, bis noch vor einem halben Jahr – vom Tourismus abhängig. Von 330 Millionen Arbeitskräften könnten ein Drittel durch die Coronakrise ihre Jobs verlieren, darunter eine besonders große Zahl an Migrant*innen. Warum arbeiten gerade im Tourismus besonders viele Migrant*innen?

Christiane Kuptsch: Tatsächlich ist die Tourismusbranche einer der Wirtschaftssektoren, in denen besonders viele Arbeitsmigrant*innen beschäftigt sind. In Untersuchungen der ILO wurde festgestellt, dass sie in der Hotellerie Fähigkeiten mitbringen, die auf dem lokalen Arbeitsmarkt oft nicht vorhanden sind, und sie gelten als besonders engagiert. In einigen Ländern sind Ar­beits­migrant*innen für die Positionen, in denen sie im Tourismus eingesetzt werden, deutlich überqualifiziert, und bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit überdurchschnittlich hoch, dass sie in schlechter bezahlten Positionen verharren. Man könnte daraus schließen, dass sie als billige Arbeitskräfte begehrt sind.

Unterscheiden sich die Erfahrungen der Ar­beits*mi­gran­tinnen von Land zu Land?

Einige Fachleute sehen eine Kluft zwischen Nord und Süd in Hinblick auf die Funktionen und Verantwortlichkeiten, die ausländische Arbeitskräfte im Tourismus haben: Migrant*innen aus ärmeren Ländern arbeiten in Jobs, die kaum Qualifikationen erfordern, während diejenigen aus reicheren Ländern gehobene Positionen im Management und als Fachkräfte einnehmen.

Expertin für Migrationspolitik bei der Internationalen Arbeits­organisation (ILO) in Genf

Warum sind Ar­beits­mi­grant*in­nen besonders verletzlich und wie hat sich die Coronakrise auf sie ausgewirkt?

Viele Länder, egal ob Industrieländer oder Entwicklungsländer, verfolgen eine Politik, nach der qualifizierte Migrant*innen willkommen geheißen werden, weniger qualifizierte jedoch nur auf Zeit kommen dürfen. Dadurch hat ein*e hoch qualifizierte*r Hotelmana­ger*in mit großer Wahrscheinlichkeit einen dauerhaften Aufenthaltsstatus und einen Arbeitsvertrag, der ein angemessenes Einkommen und soziale Ab­sicherung garantiert, während jemand vom Reinigungspersonal eher nur eine befristete ­Arbeitserlaubnis hat und womöglich nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn bekommt. In einer besonders schwachen Position sind sie dort, wo sie an einen bestimmten Arbeitgeber gebunden sind, sodass sie im Falle einer Entlassung ihr Aufenthaltsrecht verlieren.

Sie wehren sich deshalb nicht?

Sie ertragen, dass ihre Rechte missachtet werden, um ihren Job zu behalten, insbesondere wenn sie sich verschuldet haben, um zum Arbeiten ins Ausland zu gehen. Ihre Lage kann noch schlimmer sein, wenn das Land, in dem sie arbeiten, keine Rechtshilfemechanismen bietet, um ein Fehlverhalten des Arbeitgebers anzuzeigen, und/oder wenn sie sich nicht an eine Gewerkschaft wenden können, die ihnen helfen könnte. Die Coronapandemie hat deutlich zutage gefördert, dass viele Migrant*innen in Hinblick auf ihre Arbeitssicherheit, ihre Gesundheit und ihre Unterkunftsbedingungen vom Wohlwollen ihres jeweiligen Arbeitgebers abhängig sind. Viel hängt davon ab, inwieweit einzelne Arbeitgeber sich an die Vorschriften halten. Sehr viele Arbeitgeber beachten die neuen Sicherheits- und Hygieneregeln und nehmen dafür teilweise erhebliche zusätzliche Kosten auf sich, während andere die Regeln missachten und damit eine unfaire Konkurrenz darstellen. ­Leider reichen die Kapazitäten der Gewerbeaufsicht in vielen Ländern nicht, um Verstöße gegen gesetzliche Arbeitsschutzbedingungen ans Licht zu bringen.

Inwiefern betrifft das „Ohne Arbeit kein Einkommen“-Dilemma Migrant*innen besonders?

Vor diesem Dilemma stehen natürlich viele Menschen, doch Arbeitsmigrant*innen besonders. Sie sind in der Regel die Ersten, die entlassen werden oder ihre Jobs verlieren. Fast überall verfügen Arbeitsmigrant*innen kaum über Ersparnisse, häufig weil sie so viel Geld nach Hause überweisen. Sie sparen nicht für sich selbst für schlechte Zeiten, sondern schicken das Geld ihren Familien und unterstützen damit viele Menschen in ihrer Heimat. Arbeitsmigrant*innen sind auch deshalb besonders betroffen, weil sehr viele von ihnen nicht in standardmäßigen Beschäftigungsverhältnissen angestellt sind und unterdurchschnittlich bezahlt werden. Die Tourismusbranche ist dafür bekannt, dass informelle Arbeitsverhältnisse an der Tagesordnung sind, sodass das Dilemma „ohne Arbeit kein Einkommen“ in diesem Sektor definitiv besteht. Das führt dazu, dass Migrant*innen in der Pandemie Gesundheitsrisiken überdurchschnittlich stark ausgesetzt sind und dass sie oft versucht sind, auch dann zu arbeiten, wenn sie krank sind.

Was sollten Regierungen und Tourismus­un­ter­nehmen tun, um Mi­gran­t*in­nen im Tourismussektor während der Pandemie besser zu schützen und zu unterstützen?

Von Lohnsubventionen, Arbeitslosenunterstützung und anderen Leistungen zur sozialen Absicherung, die als Antwort auf die Coronapandemie bereitgestellt werden, sind Arbeitsmigrant*innen häufig ausgeschlossen. Das stellt ein ernstes Problem dar. Migrant*innen müssen in nationale Maßnahmen zur Überwindung der Folgen der Pandemie einbezogen werden. Insbesondere sollte beispielsweise durch Verlängerung des Visums oder der Arbeitserlaubnis vermieden werden, dass jemand in die Irregularität gedrängt wird, weil sie oder er nicht in die Heimat zurückkehren kann. Besonders in diesen schwierigen Zeiten sollten Regierungen und die Tourismuswirtschaft die Gleichbehandlung von einheimischen und ausländischen Arbeitskräften sicherstellen – das ist etwas, wofür die ILO nicht nur in der Krise, sondern grundsätzlich steht und sich einsetzt.

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