berliner szenen: Alles scheint möglich
An der Theke stehen drei Brexiteers und lassen sich von dem französischen Barmann Bourbon andrehen. Sie zahlen mit großen Scheinen. Ich kehre in den hinteren Raum zurück, wo eben die Lesebühne die Rampe räumt und einem Bluesmusiker aus Marzahn Platz macht.
Der Raum hat keine Fenster. T. bewegt sich sehr langsam zur Pausenmusik zwischen den Stuhlreihen. Die Stimmung ist gut, als Skinny Eric in die Stahlseiten greift und „Corrine, Corrina“ von Bo Carter anstimmt. Dass die Worte kaum zu hören sind, weil so laut gequatscht wird, stört auch nicht. Die Stimme scheint von weither zu kommen, weiter als Marzahn. T. erzählt vom Ärger mit der Ex, die schwul geworden ist und ihm den Umgang mit der gemeinsamen Tochter erschwert. Ich atme tief ein und wieder aus. Der Rauch aus T.s selbst gebauter Tonpfeife steigt mir zu Kopf, taucht alles, T., Eric, das Publikum und das liebevoll unprätentiöse Mobiliar in Nebel.
Eigentlich sind wir hier, um einen Kunstdeal zu besiegeln. Auf T.s letzter Ausstellung hatte mich das Bild gepackt. Es zeigt eine quer durch den Raum führende Mauer unter blauem Himmel. Davor steht ein Typ, er zielt mit dem Gewehr auf zwei Frauen in Fastnachtskostümen. Eine trägt einen Besen auf der Schulter, sie droht dem Angreifer. Oder dem Verteidiger, genau lässt sich das nicht sagen. Mich erinnert es an ein Bild von Max Klinger in der Alten Nationalgalerie: Ganoven bedrängen einen Wanderer, alles scheint möglich, auch das Ungedachte.
T. hat eine andere Assoziation. Bei Goya gibt es ein ähnliches Motiv, sagt er, während Eric singt: „Breaking bad is easy with you“. Dort wehren die Frauen die Gefahr ab. Sie bannen den Angreifer mit ihrem Zauber. Mitten im Satz fällt T. ins Schweigen und starrt in den Raum. Ich blicke in sein Gesicht und warte. Aber er sagt nichts weiter. Sascha Josuweit
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