: Alle für eine
Warum wir in der taz so wenig Beziehungstexte schreiben
Von Katrin Gottschalk
Haben Sie „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas gelesen? Ich nicht. Aber ich kenne den Spruch „Alle für einen, einer für alle“. Er steht für mich synonym für taz zahl ich, denn darin steckt das Festhalten an Werten und die Bereitschaft, für diese einzustehen.
Unsere Leser*innen unterstützen uns nicht wegen eines einzelnen Artikels. Oder weil sie uns immer zustimmen. Einer schrieb sogar: „Gehen Sie mir bitte schön weiter hemmungslos auf die Nerven und pieken Sie ab und an in meine Filterblase. Zur Beruhigung lese ich danach was anderes.“
Unsere Leser*innen unterstützen uns, weil sie unseren solidarischen, demokratischen und ökologisch bewussten Journalismus in seiner Gesamtheit fördern möchten. Also alles. Und Einzelne zahlen, damit dieser Journalismus für alle frei zugänglich bleibt.
Jemand schrieb: „Ich zahle monatlich einen sehr humanen Preis, auch wenn ich manchmal gar nicht zum Lesen komme. Andere tun es dann für mich. Und das macht mich froh.“ Dieses solidarische Prinzip ermöglicht den taz-Journalismus inmitten der globalen Verschiebung nach rechts.
Frei von Konzerninteressen
Wir formulieren die zentrale linke Stimme in der deutschen Medienlandschaft in unterschiedlicher Lautstärke. Mal als scharfer, tagesaktueller Kommentar zu den Rentenplänen der Regierung. Mal als alarmierende Investigativrecherche zu den geheimen Treffen einer rechtsextremen Gruppierung, mal als nachdenkliche Erinnerung an die ersten Schwarzen Studentinnen an der Pariser Sorbonne.
Dass wir unsere Themen unabhängig wählen können, liegt an der Konzernunabhängigkeit, die uns unsere Genossenschaft ermöglicht. Wir müssen keine Profite erwirtschaften – was am besten mit anzeigenfreundlichem Journalismus funktioniert. taz zahl ich wiederum bewahrt uns vor einer großen Gefahr, mit der die meisten anderen Redaktionen noch umzugehen lernen müssen.
Die meisten Artikel der regionalen und überregionalen Webseiten liegen mittlerweile hinter einer Paywall. Während wir immer für unseren Journalismus im Ganzen werben können, müssen woanders einzelne Artikel bei Leser*innen das starke Bedürfnis entwickeln, diesen einen Text unbedingt lesen zu wollen – damit die Leser*innen genau in diesem Moment ein Probabo abschließen.
Innerhalb der Redaktionen gelten entsprechend Artikel als nachahmenswert, die besonders viele solcher Abos generieren. Gerade erst hörte ich, dass in einer Redaktion sogar Vertreter externer Analyseunternehmen in die Konferenz kommen und empfehlen, welche Themen als nächstes folgen sollten – weil ihre Daten ergeben haben, dass bestimmte Inhalte besonders viele Abos auslösen.
Als Leser*in finden Sie deshalb mittlerweile verlässlich auf den Startseiten von Spiegel, Süddeutsche oder Zeit alle möglichen Beziehungsthemen. An einem gewöhnlichen Montag: ein Text für Menschen über 50, die mehr Lust bekommen wollen. Ein Text über Paare, die in der Beziehung mit Gefühlen aus der Kindheit kämpfen. Oder das Protokoll eines Mannes, der mit seiner handysüchtigen Freundin „abrechnet“.
Mehr als Klicks
Natürlich machen all diese Medien auch hochgradig relevanten, präzise recherchierten Journalismus. Und doch erscheint es mir gefährlich, einzelne Texte zur Lockfalle für Abos zu machen. Es ist die negative Verkehrung des Prinzips „Einer für alle“ und folgt keinem Wert, sondern dient dem Geldverdienen.
Es ist gut, dass Journalist*innen durch die Digitalität gezwungen sind, sich über ihre Leser*innen und deren Interessen Gedanken zu machen. Aber natürlich darf sich Journalismus nicht von Klickzahlen treiben lassen, dafür sind sie viel zu ungenau. Vielleicht lief ein Text einfach nur nicht gut, weil die These nicht deutlich wurde, die Sonne schien oder leider die Social-Media-Redakteurin krank wurde, die dazu ein Video produzieren wollte.
Ich bin dankbar, dass wir Artikel nicht nach ihrem Potenzial messen müssen, Abos zu generieren. Stattdessen erscheint all unser Journalismus unter dem Dach taz. Alle für eine. Und ich bin dankbar, dass wir jeden einzelnen Text in dem Wissen schreiben können, dass alle, die ihn lesen wollen, dies auch können, weil Einzelne dafür zahlen. Eine*r für alle.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen