Berliner Szenen: Alle Schüler fotografiert
Im Zirkus
Ich bin kein Fan vom Zirkus. Aber weil unsere Kinder ihre Schulprojektwoche in einem verbracht haben, sitze ich nun schon den zweiten Tag in Folge auf einer harten Holzbank und schaue mir die kleinen Stars in der Manege an. Immerhin: Da ich gestern, als Hannah ihre Vorführung hatte, bereits fotografierte und somit längst genug Material für spätere Familiendokumentationen vorliegt, kann ich mich heute etwas entspannen. Ich muss nur noch knipsen, wenn die Fakire das Zelt betreten, unter denen sich Max, Hannahs kleiner Bruder, befindet.
Die Zeit bis dahin vertreibe ich mir damit, die anderen Eltern zu beobachten. Die meisten klatschen eifrig bei jedem Programmpunkt, aber ich merke schnell, dass ich nicht der Einzige bin, der nur begrenzte Begeisterung aufbringt. Mehrere Besucher sehen wiederholt auf die Uhr. Der Mann neben mir hat die Augen geschlossen. Ich würde es ihm gerne nachtun, aber leider schaut Melanie immer wieder zu mir, um zu prüfen, ob ich meiner väterlichen Pflicht, am Wachsen und Gedeihen meiner Kinder Anteil zu nehmen, auch leidenschaftlich nachkomme.
So lasse ich meinen Blick weiter schweifen. Der Herr schräg vor mir hat ebenfalls Fotodienst. Statt die Nachwuchsartisten abzulichten, macht er lieber Aufnahmen von der attraktiven Zirkusassistentin. Wie erklärt er das später seiner Frau? Lange kann ich nicht nachsinnen, denn schon betreten die Nagelbrettschläfer die Arena. Verdammt! Der Speicher der Kamera ist voll. Ich muss ein paar Fotos löschen. Hoffentlich sind es nicht die falschen. Da ich mir nicht gemerkt hatte, zu welcher Gruppe Hannah gehörte – Taubendressur, Akrobatik oder Jonglage –, ich nicht zum fünften Mal Melanie fragen wollte und sich aus der Ferne die meisten Kinder im Rund ähneln, habe ich gestern zur Sicherheit alle Schüler fotografiert. Stephan Serin
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