Alke Wierth Die Fußgängerin: Der Sommer, die Oberarme und modische Fragen
Mütter und Töchter können sich ja auf viele unterschiedliche Weisen gegenseitig zur Weißglut bringen. Bei mir und meiner Tochter funktioniert das ihrerseits zu jeder Jahreszeit mit Boomerwitzen (ich bin kein Boomer, ich bin erst 1965 geboren!), meinerseits aktuell zum Beispiel mit der Frage: „Guck mal, geht das so? Kann ich so noch rausgehen?“ Das bezieht sich auf Kleidung, konkret auf meine Bekleidung, und wird von meiner Tochter stets mit Augenrollen und dem immer gleichen, ebenso wahren wie in der Situation überhaupt nicht hilfreichen, Satz beantwortet: „Ich bin ja der Meinung, dass jeder Mensch anziehen kann und darf, was er will.“
Ja! Absolut! Ganz sicher: Genau der Meinung bin ich auch – für mich ganz persönlich gilt dieser Satz aber dennoch irgendwie nicht. Denn die Jahre vergehen und der Sommer kommt wieder und wird dabei auch noch von Jahr zu Jahr heißer, meine Oberarme aber nicht. Sondern irgendwie weicher und wabbeliger, also quasi alles andere als hot … jedenfalls in der Welt, aus der ich komme. Dort gehörten sie verborgen, damit andere nicht von ihrem Anblick belästigt und damit quasi zu abwertenden Blicken oder gar Kommentaren gezwungen werden. Ich bin in einer Welt oder jedenfalls in einem Milieu dieser alten Welt aufgewachsen, wo es völlig normal war, Aussehen, Kleidung und Körperformen anderer Menschen brutal und gern auch lautstark zu bewerten (vor allem abzuwerten); wo es normal war, dass Eltern ihre eigenen Kinder auf solche Weise vor anderen bloßstellten oder gar demütigten und Sätze wie: „Na ja, du bist eben plump und stämmig, da kann man nichts machen, aber es gibt ja auch Männer, die dick sind“, für ermutigend für ihre Töchter hielten.
Ich gendere dieses Beispiel vermutlich deshalb so, weil sich derartige Kommentare nach meiner Erinnerung in viel stärkerem Maße auf Mädchen*/Frauen* als auf Männer*/Jungen* bezogen – aber das kann ich als cis Frau natürlich nicht wirklich beurteilen. Ich erinnere mich aber daran, dass auch über Männer in diesem Sinne abfällig geredet beziehungsweise ihre „Männlichkeit“, also Heterosexualität angezweifelt wurde, wenn sie sich nach allgemeiner Auffassung zu sehr für ihre Kleidung oder ihr Aussehen interessierten.
Alke Wierth lebt in Berlin und spaziert durchs Leben.
Heute heißt das, was Erwachsene damals miteinander und mit mir und anderen Kindern gemacht haben, Bodyshaming. Und ich könnte manchmal vor Freude ein bisschen weinen, wenn ich sehe, wie sich die jungen Menschen kleiden, die in dem Nordneuköllner Kiez, in dem ich lebe, nicht nur feiern, sondern in einer wachsenden Zahl von Secondhandläden auch ihre Outfits kaufen: Sie ziehen an, was ihnen gefällt – was sie wollen. Und wirken dabei fröhlich und selbstbewusst und unbeschwert.
Ab und zu muss ich dabei immer noch meinem inneren Guido Maria Kretschmer („Shopping Queen“) das Maul stopfen, der mit seinem Standardsatz „Schätzchen, das tut nichts für dich!“ den alten Bewertungsterror wieder in meine Gedanken drängt. Ich versuche, ihn umzudrehen: „Schätzchen, das tut nichts für dich!“, sage ich mir, wenn ich beim Shoppen auf der Suche nach neuen Sommersachen als Erstes mal wieder einen unförmigen schwarzen Kittel aus dem Regal ziehe. Oder wenn ich zu Hause überlege, trotz 30 Grad im Schatten plus lebensphasenbedingter innerer Hitze lieber das langärmlige T-Shirt anzuziehen (die Oberarme!): Nein, Alke, das tut jetzt wirklich nichts für dich! Im ärmellosen T-Shirt steuere ich dann das Zimmer meiner Tochter an und frage: „Guck mal, geht das so? Kann ich so noch rausgehen?“ – und sie verdreht die Augen: „Mutter …!!!“
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