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Alina Schwermer Hin und wegAußerirdische Schönheit

Der Bergkessel wirkt wie ein entrücktes Paradies. Schmale Bäche durchziehen gluckernd das Tal, saftige Wiesen erstrecken sich bis an die Hänge, selbst im August sind sie noch tiefgrün. Auch Heidelbeersträucher wachsen an den Hängen, manchmal sieht man Menschen mit Säcken bei der Ernte. Sonst ist es still.

Es ist Hochsommer und Westeuropa brennt. Aber hier oben, auf rund 1.500 Metern Höhe, im Nationalpark in der Grenzregion zwischen Kosovo, Montenegro und Albanien, ist davon nichts zu spüren. Die Welt wirkt unfassbar in Ordnung. Myriaden von Wildblumen sprießen um uns herum, in Weiß und Gelb, Blau und Vio­lett, Rot und Purpur. Wir sind umgeben von nie endendem Summen und Zirpen. Ich stelle mir vor, dass es das Jahr 1800 wäre, und frage mich, wie viele Teile der Welt so aussahen. Wir legen uns ins Gras, wir haben keine Eile. Ich möchte nie wieder aufstehen.

Wir sind nicht die einzigen, die staunen. „Ich kann mich an den Wiesen nicht sattsehen“, sagt eine Engländerin, die wir treffen. Danach sprechen wir wieder über die Waldbrände in Wales.

Die Schönheit hier ist außerirdisch und gleichzeitig seltsam vertraut. Bei vielen Kräutern fällt mir ein, wie sie sich anfühlten, als ich sie als Kind auseinanderzupfte, wie wir sie damals nannten. Es sind Worte, die ich lange nicht genutzt habe. Denn irgendwann müssen diese Kräuter und Blumen verschwunden sein. Die Wiesen in Deutschland wurden zu Bauland oder eintönigem Gras. Mir war das nicht aufgefallen. Artenschwund ist abstrakt. Erst, als ich die Wiesen im Kosovo sehe, erinnere ich mich mit einer Wucht, die mich selbst überrascht, an das, was wir verloren haben. Es ist unendlich schön und unendlich traurig. Mein Freund nennt diese Orte das verlorene Paradies.

Der Balkan gilt als weniger fortschrittlich, als entwicklungsbedürftig. Ich denke, wie schlecht doch das BIP darin ist, echten Wert zu messen. Und in Zeiten, in denen Flüsse renaturiert und Moore wieder feucht gemacht werden, ist es überfällig, dass diese Wiesen Zukunftsmodelle sind, statt bloß Relikte aus der Vergangenheit.

Eine Gruppe Männer kommt den Weg entlang, sie fallen auf. Ohne teures Equipment, johlend statt andächtig. Sie sprechen uns an. Ich frage nach ihrer Geschichte. „Wir sind hier aufgewachsen“, sagt einer. „Wir kennen uns, seit wir klein sind.“ Die Vordersten rennen schon enthusiastisch den nächsten Berg hoch; nur einer keucht hinterher.

Alina Schwermer schreibt alle vier Wochen übers Gehen, Bleiben und Reisebegegnungen.

Wohin sie gehen? „Nirgendwohin“, lacht der Mann. „Wir wollen unsere Kindheitserinnerungen auffrischen.“ Und wir? Ich nenne ihm ­unseren Zielort. Aber eigentlich, denke ich, machen wir dasselbe. Nur müssen wir dafür verreisen.

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