Alina Schwermer Hin und weg: Der American Dream von Montenegro
Die Szenerie scheint einem kindlichen Wimmelbild entnommen. An einem traumhaft naturbelassenen Seeufer mit dichtem Schilf führt nur ein Holzsteg zum Wasser. Menschen strömen darauf entlang, während Getränkeverkäufer ihre Waren feilbieten, Mütter sich für ein paar ruhige Minuten sonnen und Blässhühner herumpaddeln.
Der Plav-See im Südosten von Montenegro ist an Sommertagen wie diesen das Herzstück des gleichnamigen Orts, und überall gibt es etwas zu sehen. Jungs, die sich lässig-spektakulär von einem wackeligen Sprungturm stürzen. Tobende Kinder in einem Hüpfburgen-Wasserpark. Ein paar ältere Männer, die als Einzige das kalte Bergwasser aushalten. Tretboot fahrende Familien. Und ständig höre ich: US-Englisch. In jeder Ecke sprechen Kinder und Jugendliche in breitem amerikanischem Slang. Kurios, Montenegro scheint mir keine Kerndestination von US-Tourist:innen zu sein. Ein Rätsel also, wieder eines.
Jeder Ort hat Geschichten. Die Formulierung ist abgedroschen, aber halt auch wahr. Und die Rätsel dieser Orte zu lösen, ist eines der schönsten Dinge am Reisen. Klar kann man sich auch vorher Wikipedia durchlesen, aber wo bliebe die Überraschung? Wir verbringen eine Woche in Plav, einer hübschen Kleinstadt, die auffällig wohlhabender aussieht als ihre Umgebung. Sie ist auch sonst recht eigen. Muslime machen etwa zwei Drittel der Bevölkerung aus, es gibt zudem eine große albanische Minderheit. Neben Holzmoscheen und mitunter verschleierten Frauen verbreitet der Ort auch Post-Jugo-Flair: Grillrestaurants mit riesigen Fleischplatten, junge Männer, die abends auf der Promenade ihre Karren zur Schau fahren. Dazu kommen immer wieder die USA. Viele Autos sind US-Fabrikate mit amerikanischen Kennzeichen, in Gärten wehen US-Flaggen, Männer tragen Stars and Stripes. Was ist hier los?
Ein Restaurantbesitzer erzählt darauf die jüngere Geschichte von Plav. Während des Zerfalls von Jugoslawien in den 1990ern seien vor allem viele muslimische Bewohner:innen aus Angst vor antimuslimischer Gewalt in die USA geflüchtet, oft illegalisiert über Mexiko. Schlicht jede:r in Plav habe Verwandte drüben. Und in New York gründeten viele Familien höchst erfolgreiche Steakrestaurants. All die schicken Häuser und importierten Autos im Ort seien ihre, die Ausgewanderten kämen über den Sommer zu Besuch. Ein American Dream, wie er heute vielleicht nicht mehr möglich wäre. Der nicht nur New York prägte, sondern auch grundlegend den Heimatort veränderte.
Alina Schwermer schreibt alle vier Wochen übers Gehen, Bleiben und Reisebegegnungen.
Was für eine Geschichte. Und ein gelöstes Rätsel, wieder eines.
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