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Ahnenverehrung in Fahrt

JAZZ Das Sun Ra Arkestra unter Leitung des 91-jährigen Marshall Allen versetzte Berlin in eine galaktische Umlaufbahn

„Die machen immer das Gleiche“, doziert ein Konzertbesucher seinem Kumpanen nach dem ersten Set des Sun Ra Arkestra im Jazzclub A-Trane. Angekündigt war das kurzfristig organisierte Gastspiel des in Philadelphia/USA beheimateten Ensembles als Release-Konzert der aktuellen Veröffentlichung „Live at Babylon“. Die ist vor Ort dann gar nicht zu erwerben, und das elfköpfige Ensemble wäre nicht die kollektive Inkarnation des musikkosmologischen Bandleaders, Komponisten und Pianisten Sun Ra (1914–1993), wenn es bloß ein Album konzertieren würde.

Bestimmte Stücke des Meisters stehen stets auf dem Programm, das der 91-jährige Marshall Allen, Gründungsmitglied des Arkestra und seit zwanzig Jahren dessen Leiter, über mutmaßlich jede Bühne diesseits des Saturns hinweg zelebriert. Aber wie genau sich die Musiker und Sängerin Tara Middleton in diesen Schwebezustand heiterer Ahnenverehrung versetzen, bleibt ihr Betriebsgeheimnis auch für KonzertbesucherInnen, die das Arkestra zum wiederholten Mal erleben.

Die glitzernden Umhänge, Tücher und Kopfbedeckungen sind der Kontaktaufnahme mit dem Space zumindest förderlich. Einmal durch das solide treibende Spiel des jungen Schlagzeugers Wayne Anthony Smith jr. und von Bassist Tyler Mitchell auf die Spur gebracht, kommen Trompeter, Posaunist, der Bariton- und der Tenorsaxofonist, sowie Allen auf dem Altsaxofon richtig in Fahrt. Da wird schnell nebensächlich, dass Elson Nascimento auf der Samba-Trommel mit einer Handfläche und einem Schlägel wenig mehr als einen Rhythmus vollführt, der Gastpianist George Burton, offenbar unter Einfluss außermusikalischer Substanzen, nicht immer weiß, wohin mit den Akkorden und der Gitarrist Dave Hotep über einen eher reduzierten Drive sinniert.

Knoel Scott übernimmt die Rolle eines Konzertmeisters, spielt diesmal nicht Alt-, sondern Tenorsaxofon, er singt und sendet beständig fordernde bis euphorisierte Blicke in die Umlaufbahn der Band und ins Publikum aus. Middleton wiegt sich und salbt die steifen ZuhörerInnen lächelnd mit voluminösem Gesang, immer wieder wendet sich Allen mit verschlüsselten Kommandos und Ehrfurcht gebietenden Handgesten den anderen unvermittelt zu.

Nie wird ersichtlich, ob seine Einfälle spontan oder von langer Hand vorbereitet sind, seine Rechte springt über die Klappen des Altsaxofons wie gemeinhin die Finger eines Gitarristen beim Abwärtsanschlag von Riffs. Auf dem Electronic Valve Instrument, einem durch Atemluft gesteuerten Synthesizer, funkt Allen eigenwillig sphärische Signale in die fröhlich gestimmten, rasenden und verträumten Songs.

In jeder Sekunde könnten sämtliche Bestandteile der Musik auseinanderbrechen: Dass die Bläser zum Unisono finden und Solos Raum gewinnen, scheint fast unmöglich. In ehrenwerter Tradition tänzelt das Ensemble am Ende durchs Publikum und legt einem wieder die Liedzeile „We travel the space ways, from planet to planet,“ auf die Lippen. Dieses Elixier ist nur live zu empfangen und reicht vielleicht bis zur nächsten Landung des Arkestra.

Franziska Buhre

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