Agrarexperte kritisiert Ökolandbau: "Biopotenzial nicht ausgeschöpft"

Ökologische Bauernhöfe könnten aus ihren Feldern viel mehr herausholen als heute, sagt der Agrarexperte Stephan Dabbert. Dafür müsste der Staat stärker in die Forschung investieren.

Auch bei Ökobauern darf's etwas effizienter zugehen. Bild: dpa

taz: Herr Dabbert, Biolandwirte produzieren auf der gleichen Fläche weniger als Bauern, die Pestizide und Mineraldünger benutzen. Aber schöpfen sie das Potenzial des Ökolandbaus überhaupt aus?

Stephan Dabbert: Nein, noch lange nicht. Biohöfe könnten auf der gleichen Fläche oder mit der gleichen Anzahl von Tieren wie bisher 20 bis 30 Prozent mehr produzieren. Voraussetzung ist, dass wir die Forschung zu Produktionsmethoden verstärken. Da passiert zurzeit zu wenig.

Was sollte erforscht werden?

Wir bauchen neues ertragreicheres Saatgut, das dem Biolandbau angepasst ist. Die Züchter entwickeln ständig neue Sorten, aber die wenigsten eignen sich für Ökohöfe, die zum Beispiel weniger Dünger benutzen.

Das allein wird nicht reichen.

Nein, zusätzlich müssen neue Methoden zur Bekämpfung von Krankheiten entwickelt werden. Wenn heute ein bestimmter Pilz ein Biokartoffelfeld angreift, kann man nichts tun. Das muss sich ändern. Wir müssen intensiver an biologischen Pflanzenschutzmitteln forschen.

Brauchen Ökobauern auch extra für sie entwickelte Maschinen?

Ja, zum Beispiel Wagen, mit denen der im Ökolandbau sehr kostbare feste Mist mit möglichst wenig Verlust als Dünger ausgebracht werden kann. Doch auch an Maschinen für Biolandwirte wird kaum geforscht.

Turbo-Saatgut, neue Maschinen, Pflanzenschutz - das würde doch zulasten der Umwelt gehen.

Nicht zwangsläufig. Wir sollten gleichzeitig daran forschen, wie sich die Umweltverträglichkeit der Biolandwirtschaft erhöhen lässt. Die Wissenschaft muss sich zum Beispiel stärker darum kümmern, wie der Ökolandbau noch klimafreundlicher und tiergerechter werden kann.

Wie viel Geld ist denn für die Ökoforschung im Agrarsektor nötig?

Bund und EU sollten über sieben bis zehn Jahre 80 bis 100 Millionen Euro jährlich investieren. Wie viel sie jetzt zahlen, ist schwer zu ermitteln. Das wichtigste Programm des Bundes zahlt nur 7 bis 8 Millionen Euro. Dabei bekommt allein ein Vorhaben zur Erforschung nachwachsender Rohstoffe 50 Millionen. Geldgeber, die mit großen Summen hantieren, haben den Ökolandbau noch nicht entdeckt.

Warum investiert die Industrie nicht mehr?

Sie profitiert vom Verkauf der Pestizide stärker. Der Markt etwa für speziell für Bio entwickelte Maschinen ist immer noch sehr klein. Diese Lücke sollte der Staat schließen. Er hat ja auch massiv in die Erforschung beispielsweise der Atomkraft investiert. Der der Biolandbau liegt im öffentlichen Interesse, weil er besonders umweltfreundlich ist.

Was fordern Sie von den EU-Agrarministern?

Sie sollten sich bei den Forschungsministern dafür einsetzen, die Forschung in der Landwirtschaft stärker ökologisch auszurichten. Dafür könnte weniger in Projekte zu gentechnisch veränderten Pflanzen investiert werden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de