Ärztin über geschlechtersensible Medizin: „Vernachlässigte Unterschiede“

Medizinische Behandlungen und Studien orientieren sich oft am männlichen Standard. Das kann für Frauen zum Problem werden.

Kolben mit Antikörpermolekülen, die auf einem Laborschüttler stehen.

Bei der Entwicklung von Medikamenten orientieren sich Forscher häufig an Männern als Standard Foto: dpa / Hauke-Christian Dittrich

taz: Frau Oertelt-Prigione, ist es als Frau besser, zu einer Ärztin zu gehen statt zu einem Arzt?

Sabine Oertelt-Prigione: Prinzipiell nicht, es gibt aber Studien, die belegen, dass Ärztinnen sich tendenziell etwas mehr Zeit für Gespräche nehmen oder dass die Versorgung durch Ärztinnen bei bestimmten Erkrankungen besser zu sein scheint. Das muss man aber mit Vorsicht beleuchten, denn die Zahl dieser Studien ist gering. Wir sollten das also nicht verallgemeinern. Wichtig ist, dass die Person geschlechtersensibles medizinisches Wissen hat und auf die Pa­ti­en­t:in eingehen kann. Dabei ist es irrelevant, ob das nun ein Arzt oder eine Ärztin ist.

Was ist eigentlich geschlechtersensible Medizin?

Eine Medizin, die die biologischen und sozialen Unterschiede zwischen Männern und Frauen berücksichtigt. Denn sowohl Behandlungen als auch medizinische Studien werden oft nach dem männlichen Standard durchgeführt. Ebenfalls beeinflusst das Geschlecht oft die Geschwindigkeit und Genauigkeit, mit der eine Diagnose gestellt wird. Das kann dazu führen, dass bestimmte Krankheiten bei Frauen falsch behandelt oder gar nicht erst erkannt werden.

Sie forschen zu den geschlechterspezifischen Unterschieden einer Covid-19-Erkrankung. Was sind das für Unterschiede?

43, ist Ärztin und Hochschullehrerin an den Universitäten Bielefeld und Nijmegen mit dem Schwerpunkt auf geschlechtersensible Medizin.

Beim Thema Geschlechterunterschiede waren unsere Studien denen, die Kol­le­g:in­nen weltweit durchgeführt haben, sehr ähnlich. Tendenziell sind unter den schweren Verläufen im Krankenhaus mehr Männer. Diese haben durch Faktoren wie Rauchen, Übergewicht oder Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems ein höheres Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Wir haben uns darüber hinaus auch die therapeutischen Wünsche der Pa­ti­en­t:in­nen angeschaut. Weil die Ergebnisse aber noch nicht publiziert sind, kann ich hier noch nicht viel darüber sagen, aber wir finden beispielsweise Geschlechterunterschiede in der Inanspruchnahme von intensivmedizinischer Behandlung. Neben diesen klinischen Unterschieden muss man auch die Berücksichtigung von Geschlecht bei klinischen Studien betrachten.

Inwiefern?

Das Geschlecht kann bei Studien auf zwei Wegen berücksichtigt werden: Entweder bei der Rekrutierung der Pro­ban­d:in­nen oder bei der Analyse der Daten. Nur bei jeder fünften publizierten Studie wird Geschlecht als separates Kriterium für die Rekrutierung angegeben.

Was sind die Folgen davon?

Zum Beispiel, dass Nebenwirkungen übersehen werden. Wenn gar nicht erhoben wird, welche unterschiedlichen Nebenwirkungen es bei Männern und Frauen geben kann, dann kann deren Relevanz und Ausmaß nicht eingeschätzt werden. Ähnliches gilt für die unterschiedliche Wirksamkeit und die Dosierung eines Medikaments bei Frauen und Männern. Kein Mensch würde infrage stellen, dass ein achtjähriges Kind nicht die gleiche Dosis von etwas bekommt wie ein 18-jähriger Mann. Die Dosis für eine Frau sollte vielleicht auch eine andere sein, aber das weiß man aber oft nicht.

Warum wurden geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin so lange so wenig beachtet?

Lange dachte man, dass sich die Unterschiede des männlichen und weiblichen Körpers auf die Geschlechtsteile beschränken. Bikini Medicine nennt man das – zu allem, was der Bikini verdeckt, wurde geforscht, bei allem anderen werden keine Unterschiede gemacht.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Die Contergan-Tragödie hat in den 60er-Jahren bei vielen Frauen zu Fehlbildungen der Kinder geführt. Man wusste vorher einfach nicht, dass das Medikament, ein Schlafmittel, unerwünschte Nebenwirkungen für das Kind, das Schwangere in sich trugen, haben könnte. Weil man fürchtete, dass sie potenziell schwanger werden könnten, durften Frauen bis Anfang der 90er in den USA dann überhaupt nicht mehr an klinischen Studien teilnehmen. Erst später merkte man, dass auch das keine ideale Lösung war.

Wie sehr hängt die Umsetzung geschlechtsspezifischer Medizin von finanziellen Ressourcen ab?

Natürlich steigert es die Kosten, wenn man eine Studie bisher an 500 Männern durchgeführt hat und nun doppelt so viele Teilnehmende braucht, weil auch 500 Frauen dabei sind. Bei den Diskussionen um Geld geht es aber gar nicht so sehr um Proband:innen. Stattdessen geht es um die Studien an Zellen oder Tieren, die viel früher durchgeführt werden, um zu testen, ob ein Mittel überhaupt sicher ist. Auch hier müsste die Anzahl erhöht werden. Dennoch darf man sich von diesem Aspekt nicht irreführen lassen. Diese Kosten müssen aber immer mit den viel höheren verglichen werden, die entstehen, wenn ein Arzneimittel vom Markt genommen muss, weil potenzielle geschlechtsspezifische Nebenwirkungen nicht untersucht wurden. Dementsprechend zahlt sich eine Investition zu Beginn meistens langfristig aus.

2020 waren rund zwei Drittel der Medizinstudierenden weiblich. Die Institute werden wiederum oft von Männern geleitet. Wie hängt diese strukturelle Ungleichheit mit der medizinischen Praxis zusammen?

Digitale Ringvorlesung „Geschlechtersensible Medizin“: Universität Kiel, 14-tägig donnerstags um 18 Uhr; Link und weitere Infos unter www.uni-kiel.de/de/veranstaltungen/ringvorlesungen

Dazu gibt es eine interessante Studie aus Dänemark, die über anderthalb Millionen Publikationen untersucht hat. Die Frage war, inwieweit die Anwesenheit von Frauen im Forschungsteam mit der geschlechterspezifischen Analyse zusammenhängt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so eine Analyse gab, war tatsächlich höher, wenn Forscherinnen dabei waren. Das heißt bei Weitem nicht, dass jede Frau geschlechtersensible Medizin berücksichtigt. Historisch gesehen wurde das Thema aber vor allem von Frauen vorangetrieben. Wenn wir ausschließlich männlich geprägte Führungsebenen haben, ist es also weniger wahrscheinlich, dass geschlechterspezifische Medizin im Fokus steht.

Kann das Problem überhaupt medizinisch gelöst werden oder braucht es nicht auch ein gesellschaftliches Umdenken, etwa wenn von Dingen wie „Männerschnupfen“ die Rede ist.

Bisher haben wir vor allem über das biologische Geschlecht, also über den Punkt „Sex“ gesprochen, der zum Beispiel bei Arzneimitteln wichtig ist. Was den Zugriff auf das Gesundheitswesen betrifft, müssen wir aber auch Aspekte wie Kommunikationsstrukturen oder Zugriff auf Gesundheitsleistungen berücksichtigen. Deswegen rückt das soziale Geschlecht „Gender“ immer mehr in den Fokus. Denn sowohl Sex als auch Gender haben Einfluss auf die medizinische Versorgung.

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