: Ärzte tolerieren Gifte
■ Freibrief für Müllverbrennung
Berlin (taz) – „Das ist das übelste Papier, das wir seit langem bekommen haben“, sagt Erika Barwig von der Bürgeraktion „das bessere Müllkonzept“. Gemeint ist eine gestern veröffentlichte Stellungnahme der Bundesärztekammer zu Gesundheitsgefahren durch Emissionen aus Müllverbrennungsanlagen. Quintessenz der Einschätzung: Die Technik ist so ausgereift, daß Müllverbrennungsanlagen „ein sehr niedriges Risikopotential“ darstellen.
Dieser „Freibrief für die Verbrennung von Müll“ (Barwig) sei wesentlich von Helmut Grein von der Gesellschaft für Strahlenforschung erstellt worden – „ein bekannter Gefälligkeitsgutachter“. Dabei seien die nach wie vor 90 Prozent der organischen Verbindungen, die bei der Verbrennung übrig bleiben und in unterschiedlicher Weise in die Umwelt gelangen, gar nicht genau bekannt. Immerhin enthalte der Müll 500.000 verschiedene Stoffe, die durch die Verbrennung neue Verbindungen eingehen. Daß die Techniker alle Probleme im Griff hätten, sei reines Wunschdenken.
Es sei gegenwärtig nicht einmal möglich, den Dioxinwert kontinuierlich einzuhalten. In Schweden habe das gerade wieder zu höheren Grenzwerten geführt. Der Wert sei von 0,1 ng TE (Sevesogiftigkeit) auf 0,5 ng pro Kubikmeter Abluft erhöht worden. In Deutschland wird inzwischen eine höhere Dioxinbelastung in Kleingärten offiziell als gesundheitsverträglich deklariert.
Auch der Kieler Toxikologe Otmar Wassermann greift die Bundesärztekammer scharf an: „Ein Toleranzwert von 10 pg TCDD TE (10 Picogramm Dioxine mit der Giftigkeit von Sevesodioxin, d. Red.) pro Kilo Körpergewicht und Tag bedeutet für eine Population gesunder Erwachsener die bedenkenlose Hinnahme von 1.500 zusätzlichen Krebstoten pro 1 Million Menschen nur durch die bestehende Dioxinbelastung.“ Wenn die Ärztekammer die Einschätzung ihrer Gutachter jetzt übernehme, mache „sie sich mitschuldig an der stillschweigenden Akzeptanz der hohen Krebsmorbidität und -mortalität in Deutschland.“ Annette Jensen
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