Abzug der Nato-Truppen: Erdoğans Afghanistan-Option

Washington drängt die Türkei, die Kontrolle über den Kabuler Flughafen zu übernehmen. Erdoğan gefällt die Idee, den Taliban nicht.

Ein Soldat steht bewaffnet auf dem Rollfeld

Der Flughafen Kabul, hier bewacht von einem US-Soldaten im April 2021 Foto: Photothek/imago

BERLIN taz | Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan will sich mit den Führern der Taliban treffen, um dazu beizutragen, die Lage in Afghanistan zu deeskalieren. Das Treffen soll durch Katar, mit dem sowohl die Türkei als auch die Taliban gute Beziehungen unterhalten, vermittelt werden. „Vielleicht werde ich sogar in der Lage sein, die Person zu treffen, die ihr Anführer ist“, sagte Erdoğan am Mittwoch.

Hintergrund ist, dass die USA die Türkei drängen, nach ihrem endgültigen Abzug aus Afghanistan Ende des Monats die Kontrolle über den Flughafen von Kabul zu übernehmen. Damit soll erreicht werden, dass ungeachtet der Kämpfe zwischen Taliban und Regierungstruppen wenigstens ein Flughafen für zivile Flüge offen bleibt.

Bei seinem Treffen mit US-Präsident Joe Biden am Rande des Nato-Gipfels im Juni hatte Erdoğan zugesagt, dass die Türkei im Prinzip bereit sei, diese Aufgabe zu übernehmen. Angesichts der vielen Konfliktpunkte zwischen beiden Ländern sah Erdoğan darin eine Chance, den neuen US-Präsidenten für die Türkei einzunehmen.

Da die Türkei aus Sicht Erdoğans ein muslimisches Land ist, ging er davon aus, dass die Taliban einem Engagement in Afghanistan nach dem Abzug der Nato-Truppen zustimmen würden. Man sei sich ja weltanschaulich sehr nahe, sagte Erdoğan zur Empörung der türkischen Opposition. Die Taliban stellten allerdings schnell klar, dass sie in der Türkei keinen muslimischen Partner, sondern ein Nato-Mitglied sehen, das, wie andere Nato-Staaten auch, das Land besetzt hätte und abziehen müsste.

Die USA drängen zunehmend lauter darauf, dass die Türkei nun Truppen zur Kontrolle des Flughafens bereitstellt. Zuletzt hatte US-Außenamtssprecher Ned Price am Dienstag die Wichtigkeit des Hamid-Karzai-Flughafens betont. Unterdessen lässt Erdoğan hinter den Kulissen sondieren, unter welchen Bedingungen die Taliban doch noch eine türkische Präsenz akzeptieren würden.

Eingebunden in diese Bemühungen sind sowohl Katar als auch Pakistan, mit denen die Türkei gute Beziehungen unterhält. Da die Taliban zumindest offiziell nach wie vor darauf bestehen, dass die türkischen Truppen wie alle anderen westlichen Truppen auch das Land verlassen, will Erdoğan die Frage nun auf höchster Ebene klären. „Wir brauchen eine Verständigung auf der Topebene“, sagte er in einem Interview mit CCN-Türk.

Ankara: Mob geht auf Geflüchtete los

Für die türkische Opposition ist das Vorhaben Erdoğans, sich nach Syrien, Libyen und Aserbaidschan nun auch noch in Afghanistan einzumischen, gefundenes Fressen. Die große Mehrheit der türkischen Bevölkerung hat angesichts der Wirtschaftskrise, der Coronapandemie und der Umweltkatastrophen der letzten Wochen überhaupt kein Verständnis mehr für außenpolitische Abenteuer, die nicht nur viel Geld kosten, sondern wie im Falle Syriens auch dazu führen können, dass Hunderttausende Flüchtlinge ins Land kommen.

Wie angespannt die Situation ist, zeigte sich in der Nacht auf Donnerstag in Ankara, wo ein Mob von Hunderten Personen auf Geschäfte von Syrern und Afghanen losging, nachdem sich das Gerücht verbreitet hatte, ein türkischer Junge sei von Syrern ermordet worden.

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