Abstieg eines Unternehmersohns

Der letzte Mieter

Jens Meyer* stammt aus einer Unternehmerfamilie, wohnt aber heute als Sozialhilfeempfänger im feinen Hamburg-Winterhude.

Im wohlhabenden Stadtteil Winterhude kennt er niemanden, aber alle kennen ihn: Wegziehen will Jens Meyer* aber nicht.   Foto: Miguel Ferraz

„Solange du nicht stirbst und es hinter deiner Wohnungstür mieft, macht sich hier keiner Sorgen um dich“, sagt Jens Meyer*. Um ihn herum stapeln sich Kartons, Schachteln, Ringordner und Bücher fein säuberlich etikettiert in Holzregalen bis hoch zum Stuck an der Decke. Ein Teppich bedeckt den Dielenboden. Auf einem Sofa vor dem Balkon sitzen zwei Clownspuppen. Vor einigen Wochen hat Meyer erfahren, dass ein Rollstuhlfahrer im Haus gegenüber in seiner Wohnung verbrannt ist. Er kann aus seinem Wohnzimmer auf die Vorhänge des toten Nachbarn schielen. Den Mann selbst hat er nie gesehen. Meyer wohnt in der Nähe der Alster im Hamburger Stadtteil Winterhude. Als gehobene Mittelschicht beschreibt er seine Nachbarn. Zur Mittelschicht gehört er schon lange nicht mehr.

„Viele meinen, wer hier wohnt, hat viel Geld“, sagt Meyer, nimmt auf einer Ecke seines Schreibtisches Platz und biegt das Metallgestell seiner Brille zurecht. Durch seine milchigen Fenster kann er die teuren Kleinwagen vorm Haus parken sehen. Wer sie fährt, weiß er nicht. „Ich kenne hier niemanden, aber mich kennt hier jeder.“ Zumindest beschleicht ihn das Gefühl, wenn er auf den fein säuberlich gefegten Bordsteinen steht. Und irgendwie stimmt das mit dem Geld auch, liegt doch das durchschnittliche Jahreseinkommen in Winterhude mit knapp 50.000 Euro fast 15.000 Euro über dem stadtweiten Schnitt.

Im Norden Winterhudes finden sich Alt- und Neubauten, der Osten und der Süden des Viertels sind geprägt von alten Villen mit großen Gärten. Es ist eine beliebte und teure Wohngegend, wegen der guten Verbindung zur Innenstadt, wegen der Ruhe und der Außenalster. Es gibt nur wenige Sozialhilfeem­pfänger im Viertel, kaum Sozialwohnungen. Meyer wohnt nahe des Villenviertels, wo Frauen ihre Kinder in Bugaboo-Kinderwägen durch die Straßen schieben und im Restaurant getrüffeltes Schwein zu Mittag essen, wo Männer in Anzügen herumlaufen und dabei die ganze Zeit telefonieren. Meyer macht nichts davon.

Der 76-Jährige lebt von 465 Euro Grundsicherung im Monat. Zu wenig, um in der Bio-Bäckerei um die Ecke einzukaufen. Einmal in der Woche steigt Meyer in seinen 20 Jahre alten Ford und fährt zur Ausgabestelle der Tafel in den Nachbarstadtteil Groß Borstel. Dort werden unverkäufliche und gespendete Lebensmittel an Arme verteilt. Die Fahrt zur Tafel missfällt ihm auch nach fast zwei Jahrzehnten noch. „Manchmal gibt es dort seltsame Lebensmittel“, sagt Meyer. „Heute gab es zwei Äpfel, meist gibt es Konserven. Einmal habe ich sechs Pakete voller Cola-Extrakt bekommen.“

Bis zum Tod in Winterhude

Die meiste Zeit verbringt er in seiner Wohnung im zweiten Stock eines renovierten Altbaus. Er ist der letzte Mieter. Alle anderen Wohnungen im Haus sind längst in Eigentum umgewandelt worden. Seit über 20 Jahren lebt er hier auf 75 Quadratmetern. Viel für einen alleinstehenden Mann, viel für einen Sozialhilfeempfänger. Nach dem Gesetz stehen ihm eigentlich nur 45 Quadratmeter zu. Doch Meyer ist schwerbehindert und da kann das Sozialamt eine Ausnahme machen. Seine Miete von knapp 500 Euro wird zum größten Teil vom Amt übernommen.

Mit Meyers Wohnung könnte man ohne Meyer drin ein „Heidengeld“ machen, wie er selbst sagt. Das weiß auch sein Vermieter. Als der vor ein paar Jahren seinen Porsche vor Meyers Wohnung parkte und zu ihm kam, um über die Miete zu verhandeln, lud Meyer ihn kurzerhand zum Essen ein. Der Vermieter blieb einen halben Tag und am Ende versprach er Meyer, dass er bis zu seinem Tod in der Wohnung bleiben darf. Ohne ­Mieterhöhung, aber auch ohne Renovierung. Das ist Meyer egal, schließlich ist er einer der Glücklichen, die keine Angst haben müssen, auch noch die eigene Wohnung zu verlieren.

An andere Zeiten erinnern die schwarz gerahmten Bildern aus seiner Kindheit und Jugend. Meyer stammt aus einer Hamburger Unternehmerfamilie. Er hat immer gern gearbeitet. Erst als Fernmeldemonteur, dann fuhr er fünf Jahre als Funkoffizier zur See. Für sein Ingenieursstudium kam er wieder zurück nach Hamburg.

Er war Angestellter bei einer Tochterfirma der Hamburger Hochbahn. Während einer Kündigungswelle verlor er das erste Mal seinen Job. Er rappelte sich wieder auf und machte sich wie schon sein Vater selbstständig. 17 Jahre leitete er sein eigenes Ingenieurbüro. Er heiratete und kaufte ein Haus. „Wäre alles gut gegangen, würde ich heute auf großen Fuß leben“, sagt Meyer.

Aber 1992 verletzte er sich schwer. Plötzlich ist er schwerbehindert. Über den Unfall, der sein Leben veränderte, möchte er heute nicht mehr sprechen. Er hätte als Selbständiger für später vorsorgen müssen, das hat er nicht getan. Seine Ehe zerbrach, er verlor sein Haus. „Meine Frau hat sich getrennt, weil sie meinte, ich wäre alkoholabhängig“, sagt er. „Ich habe auch viel gesoffen.“ Mit dem Trinken hat er wieder aufgehört, seine Frau kam trotzdem nicht zurück. „Manchmal war ich noch eifersüchtig. Aber vor fünf Jahren habe ich das überwunden“, sagt er über seine Scheidung vor zwei Jahrzehnten.

Keine Frührente trotz Schwerbehinderung

Mit den Behörden habe er von Anfang an keinen guten Start gehabt, sagt Meyer. Als er von einen auf den anderen Tag nicht mehr arbeiten konnte, bekam er keine Frührente. „Schließlich kann man ja auch noch ohne Kopf und Arm Zeitungen austragen“, äfft Meyer seine damalige Sachbearbeiterin nach. Als Kunde sieht er sich schon lange nicht mehr, eher als Bittsteller.

Arm fühlt er sich trotzdem nicht. Auch wegen Maria Ilinca*. Mit ihr ist er seit über 20 Jahren befreundet. Sie pflegte seine Eltern bis zu ihrem Tod. Heute hilft sie ihm im Haushalt. Wenn die verwitwete 75-Jährige ihn besuchen kommt, nimmt er ihr den Mantel ab und lädt sie zum Kaffee ein. Den muss Maria selbst aufbrühen, das macht Meyer nicht mehr. Dafür darf sie auch mal in seinem Gästezimmer schlafen, wenn sie gerade ihre Wohnung renoviert oder einfach Gesellschaft braucht.

Maria ist oft bei ihm. Er neckt sie, wenn der Rumänin ein deutsches Wort nicht einfällt und sie belehrt ihn, wenn er „mal wieder Unsinn“ redet. Und beide erzählen die Geschichte des anderen als wäre es ihre eigene. Auch Maria lebt von Grundsicherung, das verbindet. Mit seinen Nachbarn im Haus und im Viertel hat Meyer keinen Kontakt.

Er versucht, trotz seiner finanziellen Lage in Bewegung zu bleiben und sich nicht abzukapseln. „Ein Theaterbesuch ist zwar teuer, aber es gibt andere Wege“, sagt Meyer. Auf seinem Schreibtisch stehen zwei Computer, mit denen er im Internet nach kostenlosen Veranstaltungen sucht. Über Facebook bleibt er mit anderen Menschen in Kontakt und gerade reiste er mit einer Hilfsorganisationen für Senioren in ein Hotel an die Ostsee. „Und das für nur 30 Euro“, sagt er. „So einen Sparpreis kann sich nicht jeder leisten. Das bekommen nur wir Sozialleistungsempfänger.“

Fast 30 Euro kostet auch sein Abo der vom Bundestag herausgegebenen Zeitung Das Parlament. Aber darauf könne er nicht verzichten, schließlich müsse man politisch informiert bleiben. „Ich bin Ingenieur. Mich interessieren nur die Fakten“, sagt Meyer. Man dürfe nicht träge werden. „Viele Menschen mit wenig Geld machen einfach gar nichts“, sagt Meyer.

Regelmäßig geht er wegen seiner Behinderung zu einer Selbsthilfegruppe. „Dort sagen alle, man könne ja doch nichts an seiner Situation ändern.“ Meyer findet das Quatsch. Schließlich kann man aus jeder Situation etwas herausholen. Arm hat sich Meyer in dem wohlhabenden Viertel nie gefühlt. „Das liegt vielleicht auch daran, dass Geld für mich kein Kriterium dafür ist.“

*Namen von der Redaktion geändert

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