: Abgrund Schmusekurs
■ Ämterstreit bei den Jungen Liberalen / Heute Bundeskongreß
Bonn (taz) – Wenn der Chef eines politischen Jugendverbands seine Chancen auf Wiederwahl öffentlich „nüchtern“ beurteilt, dann muß ihm der Wind schon heftig ins Gesicht blasen. Ralph Lange steht im Gegenwind. Vor drei Monaten jubelten die Delegierten des FDP- Parteitags in Gera dem Chef der Jungen Liberalen (Julis) zu, als er sich mit scharfen Formulierungen zum Wortführer der Kinkel-Kritiker aufschwang. Daß ihm der eigene Jugendverband die harten Töne dankt, kann Lange offensichtlich nicht erwarten. Heute muß er sich auf dem Bundeskongreß der Julis in Bad Salzuflen der Konkurrenz zweier aussichtsreicher Mitbewerber stellen.
Dabei hält der Juli-Chef die neue Renitenz der FDP in der Koalition und den Erfolg von Hessen für eine Folge der Abrechnung von Gera. Der „Schmusekurs“ der FDP des Jahres 1994 sei mit der Wahl des neuen Generalsekretärs Guido Westerwelle im Dezember und der Absage an eine Kohlepfennig-Ersatzsteuer, einem liberalen Abtreibungsrecht, der Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe und einem konsequenten Sparkurs innerhalb der Koalition in den ersten Wochen des neuen Jahres überwunden worden.
Für Lange ist die FDP mit der Hessenwahl aber „noch nicht über den Berg“. Dauerhafte Erfolgschancen sieht er nur, wenn die Partei ihre Positionen in der Koalition „offensiv und radikal“ vertrete: „Ein Rückfall in den Schmusekurs von 1994 wäre das Ende.“
Den 200 Delegierten geht es aber bei der Wahl nicht um eine politische Richtungsentscheidung, sondern anscheinend um Stilfragen. Kritiker werfen Lange vor, wegen seiner Attacken gegen FDP-Spitzenpolitiker würden die Julis nicht mehr ernst genommen. Bewerber Georgios Chatzimarkakis, bekannt geworden mit originellen Werbemethoden als Juli- Spitzenkandidat der Europawahl, verspricht denn auch mehr Sachkritik und „nicht nur Zuspitzung auf eine Person“. Michael Kauch, dem dritten Bewerber, gestehen beide Konkurrenten große Kompetenz bei der Entwicklung liberaler Programmatik zu. Lange glaubt, daß die FDP sich freuen würde, ihn loszuwerden. Hans Monath
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