piwik no script img

Ab in die Kaserne

■ Etwa 750 Berliner Rekruten beginnen heute ihren Wehrdienst/ Gegendemonstration zur Treptower Kaserne

Berlin. Was zumindest für Westberliner lange undenkbar war, wird heute früh um 8 Uhr bereits zum siebten Mal Wirklichkeit auf dem Bahnhof Zoo: Etwa 750 Rekruten ziehen von dort für die kommenden zwölf Monate in die Kaserne. Begleitet werden sie von der »Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär«.

Mit den 1972 Geborenen wurde in diesem Jahr erstmals in größerem Stil ein gesamter Jahrgang in Berlin erfaßt. »Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg soll Wehrpflicht in Berlin zur Normalität erklärt werden«, konstatiert Christian Herz, Sprecher der »Kampagne«. Es sei davon auszugehen, daß die gesamten alliierten Soldaten durch Bundeswehrkräfte ersetzt werden sollen. Dabei seien die Einberufungsverfahren dubios, so Herz. So sei allen Gemusterten noch zu Beginn des Jahres zugesichert worden, nicht eingezogen zu werden, bevor Abitur oder Studium beendet sind, wenn sie keinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung stellen. Wenig später sei die Einberufung zum 1.Juli dann doch erfolgt. Erst nach heftigen Protesten seien diese revidiert worden — zum Teil reichlich spät. Der 20jährige Christoph erfuhr erst gestern morgen, daß sein KDV-Antrag anerkannt wurde und er somit heute morgen nicht in den Zug steigen muß. Seine Planung für diesen Sommer ist dennoch völlig durcheinandergeraten.

Nach Angaben der »Kampagne« sind alle 1968 Geborenen in Sachen Wehrdienst außer Gefahr. Auch die 1969 Geborenen hoffe man noch zu retten. Unklarheit herrsche noch über die 70er und 71er Jahrgänge. Ab morgen werden bereits die zukünftigen Rekruten des Jahres 1974 erfaßt. Die »Kampagne« empfiehlt, sich vor der Weitergabe von Daten unbedingt bei ihnen zu informieren. jgo

Damit Wehrpflicht in Berlin nicht zur Normalität wird, begleitet und berät die »Kampagne« ab 8 Uhr die Fast- Soldaten am Bahnhof Zoo. Um 17 Uhr beginnt auf dem Oranienplatz eine Demonstration gegen Wehrpflicht mit anschließendem Zug und »mindestens symbolischer Blockade« der Treptower Kaserne.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen