:
AUSSTELLUNGSTIP ■ GEISTERBAHN
Die Malerin und Grafikerin Gisela Neumann liebt das Zitat: In ihren Landschaftsbildern, Anfang der 80er Jahre, taucht jene flirrende Atmosphäre von William Turner auf. Regenverhangene englische Panoramen, durch die grelles Licht hindurchbricht, verweisen direkt auf den Meister. Etwas später, gegen Ende der 80iger, erinnern Gisela Neumanns nachtfarbene Gouachen an die bildgewordenen Großstadterfahrungen der frühen Expressionisten. Kleine Straßenszenen werden zu aggressiven Stadträumen stilisiert. Eine Ahnung von rasanter Bewegung und Beschleunigung ist erfahrbar. Endlich toben auf lustig sonnigen Naturszenarien in Öl kleine Kinder über einen südlichen Strand, so fest und greifbar, als kämen sie gerade aus der Neuen Sachlichkeit herüber.
Das Neue in der Malerei der Berliner Künstlerin liegt in einer erzählerischen Sicht über der ein Schleier liegt, den der Betrachter zur Seite schieben muß, will er mehr in den Bildern sehen. Dann nämlich werden die Motive zu aufsichtigen Perspektiven über Natur- und Stadtlandschaften, in denen es geisterhaft leer und wie ausgestorben zugeht. Eine poetische Stimmung dringt in die Bilder ein. So verschwimmt die »Kanallandschaft« (1984) regelrecht zu einem komplexen Liniengespinst. Die Topografie bleibt schemenhaft. Himmel und Erde sind nicht mehr getrennt. Die Bewegungen scheinen gefroren. Die Zeit steht still. Auch der »Straßenbahnzug« (1986) kommt wie aus der Geisterbahn. In grün, lila und weiß beißen sich die Farben im Bild, damit die abendliche Szene noch unwirklicher gesteigert, die Leere noch bedrängender wird. Hinter dem Vorhang liegt dann so etwas wie Melancholie.
Gleichzeitig sind die Bilder Gisela Neumanns nahe am Kitsch der sogenannten »Berliner Schule«, jener berühmt brüchtigten Pinseltruppe, vor der keine milljöträchtige Straßenecke sicher ist. Auch bei Neumann spiegelt sich ein naives Lokalkolorit, in »Mauerstilleben« oder »St. Elisabethstift« (1987) beispielsweise, daß man meint, alles wäre durch eine romantisierend beschlagene Nostalgiebrille gesehen. So putzig naturalistisch sind die Bilder. So Berlinerisch langweilig ist ihr Sujet.
Doch neben den Naturszenarien und Straßenecken, diffusen Lichtern und verschleierten Räumen sind in der Werkstattgalerie »Studio bildende Kunst« in Lichtenberg (John-Sieg-Str. 13) ein paar wenige Grafiken ausgestellt, sogenannte »Tonergrafiken«, die mittels eines Fotokopiergerätes hergestellt werden. Es sind zumeist skizzenhafte Stadtansichten, die im Stil Lithografien gleichen. Doch wird hier das Prinzip »Kopie« selbst zum Thema der Tonergrafiken. Im »Abbild« sind die Spuren des technischen Herstellungsprozesses sichtbar gemacht. Die Ungenauigkeit selbst wird zur grafischen Linie. Flächen verwaschen. Nichts sieht mehr echt aus.
Die neue Technik weiterzuentwickeln, täte der Künstlerin ganz gut, bestehen doch dort für sie Möglichkeiten, vom lästigen Zitat wie vom naturalistischen Berliner Kitsch ganz wegzukommen. rola
NOCHBIS6.12.,Mo-Do14-19UHR
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen