: 36.000 Abschiebungen im letzten Jahr
■ Die Zahl der zwangsweisen „Verschubungen“ steigt in den letzten Jahren deutlich / Menschen, die „freiwillig“ zurückkehren, tauchen in keiner Statistik auf
Berlin (taz) – Sie steigen meist als letzte Passagiere zu und sitzen seltsam schweigsam in einer der ersten Reihen: kräftige, hellhäutige junge Männer, in ihrer Mitte – ungewöhnlich hautnah – ein Mensch aus offenkundig nichtdeutschen Landen. Wenn die Stewardeß das Bordessen serviert, läßt sie diese Sitzreihe aus: Die Fluggäste können nicht essen, sie sind mit Handschellen aneinander oder an den Sitz gekettet. Abschiebealltag in Deutschland, mal per Flugzeug, mal per Bahn.
36.000 Menschen ausländischer Herkunft, so vermeldet das Bundesinnenministerium, wurden im vergangenen Jahr zwangsweise außer Landes geschafft. 1992 waren es noch knapp 11.000 gewesen, drei Jahre zuvor gerade mal 5.500. Nicht registriert in dieser Statistik sind all diejenigen, die unter der Drohung einer zwangsweisen Abschiebung untertauchen oder Deutschland „freiwillig“ verlassen. Denn zumindest bei denen, die einen regulären Aufenthalt hatten, offeriert die Ausländerbehörde vor der Peitsche noch ein Zuckerbrot: eine Frist zur freiwilligen Ausreise. Wer diese Frist nicht zur Ausreise oder zum Untertauchen nutzt, riskiert nicht nur eine wochen-, oft sogar monatelange Abschiebehaft und die Eskortierung durch Polizisten und Grenzschützer bis in die Heimat. Er bekommt auch für die nächsten fünf Jahre ein förmliches Einreiseverbot für die Bundesrepublik in den Paß gestempelt und die Kosten für seine unfreiwillige „Rückführung“ aufgebrummt.
Um kein Aufsehen zu erregen und nicht historische Assoziationen hervorzurufen, werden die meisten Abschiebungen nur in kleineren Grüppchen durchgeführt und nur selten in Sondermaschinen oder Bahnabteilen. Den Mitreisenden fällt diese Zwangsmaßnahme meist nur dann auf, wenn die Passagiere sich lautstark oder handgreiflich wehren. In den letzten Monaten verletzten sich mehrere „Schüblinge“, als sie sich ihrer gewaltsamen Abschiebung widersetzten. Andere versuchten, sich das Leben zu nehmen.
In Frankfurt hatte der Grenzschutz offenbar auf seine Art vorgebeugt: mit einer Betäubungsspritze, die den dreißigjährigen Asylbewerber ruhigstellen sollte. Die Ruhigstellung hatte Wirkung für die Ewigkeit. Vera Gaserow
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