17. November 1989: Ein festes Weltbild
■ Fünf Jahre danach – eine taz-Serie
Am Abend besuche ich die erste richtige Parteiversammlung meines Lebens – in Westberlin. Bei der Trotzkistischen Liga Deutschlands. Man trifft sich in den Räumen eines türkischen Kulturzentrums, im Saal haben sich ungefähr 50 Leute versammelt. Vorne sind drei Tische zu einem Podium zusammengeschoben worden und ordentlich mit rotem Fahnenstoff abgehängt. Vier kümmerliche Asparagus-Pflanzen grenzen das Podium zum Saal hin ab. Auch die Wand hinter den Tischen ist mit rotem Stoff abgehängt. Ikonen gleich hängen in der Mitte jeder Stoffbahn die Bilder Lenins, Trotzkis und Luxemburgs. An den Tischen auf dem Podium nehmen drei Leute Platz. Nacheinander sprechen sie zu uns. Ich fühle mich wie auf einer Zeitreise. Auf diese Art und Weise haben wir in den 70er Jahren FDJ-Veranstaltungen ausstaffiert, müssen Parteiversammlungen in den 50er Jahren im Prinzip ähnlich hergerichtet gewesen sein.
In den Reden wird von den Ereignissen in der DDR als vom Beginn der proletarischen Revolution gesprochen, die nun auch auf die Bundesrepublik übergreifen müsse. Voraussetzung dafür sei die Bildung „wirklicher Arbeitersowjets“, Ziel die „revolutionäre Wiedervereinigung Deutschlands“. Ich bin offenbar nicht der einzige „Ostler“ im Publikum, denn so wie ich können immer mehr Leute ihr Grinsen kaum noch verbergen. Nach gut einer Stunde macht sich die angestaute Heiterkeit in schallendem Gelächter Luft. Die Versammlungsleitung wittert eine sozialdemokratische Verschwörung. Es ist gut zu wissen, daß im allgemeinen Durcheinander wenigstens ein paar Leute den Überblick nicht verlieren und an ihrem Bild von der Welt festhalten.
Auf dem Heimweg treffe ich etliche Proletarier aus dem Osten, die sich bei Karstadt ihre Nasen an Schaufensterscheiben plattdrücken. Wolfram Kempe
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