Rechtsanwältin zu patriarchaler Gewalt : Männer und ihr strukturelles Problem
Bei patriarchaler Gewalt hilft die bisherige Politik nicht weiter. Zudem ist Deutschland gar nicht antipatriarchal und besonders fortschrittlich, wie der Bundeskanzler meint, sagt Christina Clemm.
Foto: Hannes Jung
taz FUTURZWEI | Christina Clemm ist Rechtsanwältin für Familienrecht und Strafrecht in Berlin-Kreuzberg. Ihre thematischen Schwerpunkte sind Gewalt gegen Frauen, sexualisierte und queerfeindliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung sowie rassistische und rechtsextrem motivierte Straftaten. Clemm engagiert sich dafür, die Perspektiven von Opfern sexualisierter Gewalt zu verstehen und Vorurteile abzubauen.
taz FUTURZWEI: Wozu Männer, Frau Clemm?
Christina Clemm: Das ist ja eine unsinnige Frage.
taz FUTURZWEI: Aha. Ihre Begründung?
Christina Clemm: Ich weiß nicht so recht, was ich mit dieser Frage anfangen soll. Wir leben in einer Gesellschaft, die verschiedene Geschlechter hat, dazu gehören auch Männer. Die Frage ist doch viel mehr, was ist nur mit so vielen Männern los und was müssen sie tun, damit man mit ihnen etwas anfangen kann.
taz FUTURZWEI: Im Laufe der letzten Monate wurde in Teilen der Gesellschaft, genauer gesagt, in unseren, die Frage erörtert, ob man als Frau mit Männern überhaupt irgendetwas anfangen können soll oder ob man das nicht einfach besser lässt.
Christina Clemm: Es gibt ja dieses wirklich sehr interessante Buch der Philosophin Manon Garcia Mit Männern leben…
taz FUTURZWEI: … über den Prozess im Fall von Gisèle Pelicot, die von ihrem Mann über Jahre betäubt und von ihm und fast siebzig anderen Männern vergewaltigt wurde …
Christina Clemm: Ich glaube, diese Frage stellen sich viele, ob man es sich in der aktuellen Situation zumuten kann, mit Männern zu leben, bei all dem, was wir immer wieder über gewalttätige Männer hören, erleben, erfahren müssen. Es gab ja auch kürzlich diesen hohen Kriminalbeamten, der gefragt wurde: Was raten Sie Frauen? Und er antwortet: Besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen.
ist Rechtsanwältin für Familienrecht und Strafrecht in Berlin-Kreuzberg. Ihre thematischen Schwerpunkte sind Gewalt gegen Frauen, sexualisierte und queerfeindliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung sowie rassistische undrechtsextrem motivierte Straftaten. Darüber hinaus ist sie als Autorin tätig. Zuletzt erschienen „AktenEinsicht – Geschichten von Frauen und Gewalt“ (2020), „Gegen Frauenhass“ (2023) sowie „Ein ungehaltenes Plädoyer“ (2026).
taz FUTURZWEI: Wie sehen Sie denn grundsätzlich die Lage?
Christina Clemm: Äußerst schwierig. Ich würde aber sagen, diese plakativen Dinge helfen uns überhaupt nicht weiter, sondern wir müssen sehr genau hinsehen, die Probleme identifizieren und -anerkennen und daran arbeiten, wie wir endlich eine andere, bessere gesellschaftliche Situation schaffen.
„Immer wieder wird suggeriert, wir seien doch relativ fortschrittlich, gleichberechtigt, aufgeklärt und den anderen ginge es ja noch viel schlechter.“
taz FUTURZWEI: Sie schreiben ja in Ihrem Buch Gegen Frauenhass, dass es zwar jede Menge Aktivistinnen in Deutschland gibt, aber keine intensive Veränderung, übrigens auch im Unterschied zu anderen Ländern. Spanien zum Beispiel. Worauf führen Sie das zurück?
Christina Clemm: Es gibt in Deutschland insgesamt wenig Veränderungen hin zu einer vielfältigen, offenen Gesellschaft, die keine Menschenverachtung produziert. Ich glaube, in der herrschenden Politik gibt es grundsätzlich und in Bezug auf patriarchale Strukturen eine sehr geschickte Befriedungspolitik. Immer wieder wird suggeriert, wir seien doch relativ fortschrittlich, gleichberechtigt, aufgeklärt und den anderen ginge es ja noch viel schlechter.
taz FUTURZWEI: Stimmt nicht?
Christina Clemm: Wir sind ziemlich schlecht im europäischen Vergleich was Care-Arbeit, was gleichberechtigte Bezahlung, also Gender-Pay-Gap, was Gendermedizin, was geschlechtsbezogene Gewalt betrifft. Es gibt schon viele engagierte Menschen, die in Beratungsstellen arbeiten, in Frauenhäusern, in Institutionen, die eigentlich zur Bekämpfung geschlechtsbezogener Gewalt da sind …
taz FUTURZWEI: ... aber?
Christina Clemm: Die sind immer am absoluten Limit, können sich kaum wehren. Auch das ist ein Teil dieser perfiden Befriedungspolitik.
taz FUTURZWEI: Warum ist es in Spanien dann anders?
Christina Clemm: Ich kann Ihnen das im Einzelnen auch nicht erklären, aber in Spanien gab es einzelne Fälle von ermordeten Frauen, die wirklich massive feministische Proteste auf den Straßen ausgelöst haben. In Deutschland ist ein Femizid vielleicht ein kurzer Aufreger. Dann wird so getan, als würde man jetzt aber wirklich etwas ändern. In Wahrheit werden Femizide schulterzuckend hingenommen. Proteste werden eingefriedet und mittlerweile in der aktuellen Politik ja auch sofort diskreditiert.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°38: Wozu Männer?
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Patriarchat, Unterdrückung, Gewalt, Ehrenmorde, AfD: Wie geht untoxische Männlichkeit?. Mit: Güner Balcı, Caroline Wahl, Christina Clemm, Heike-Melba Fendel, Luisa Neubauer, Marcel Fratzscher, Wolf Lotter, Rainer Prohaska, Christian Schneider, Harald Welzer u. v. m..
taz FUTURZWEI: Wir sehen dieses Heft als Lernprozess für uns Männer. Wenn das Patriarchat eine Struktur ist, die der ganzen Gesellschaft, ihren Verhaltens- und Wahrnehmungsweisen zugrunde liegt: Wie kommt man dahin, dass Männer das in Ihrem Sinne als ihr Problem angehen?
Christina Clemm: Indem man bereit ist, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen und Erkenntnisse gewinnt.
taz FUTURZWEI: Die Erkenntnisse selber ändern ja noch nichts. Man muss andere Verkehrsformen etablieren.
Christina Clemm: Ja, das muss man. Aber Aufklärung ist ein erster Schritt. Beim Problem der geschlechtsbezogenen Gewalt bedeutet das zu fragen: Was haben wir denn für Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit? Wie erziehen wir Kinder, wie gehen wir in den Schulen mit all diesen Fragen um? Was bedeutet es, Gewalt zu erfahren, Diskriminierungserfahrungen zu machen? Was bedeuten Traumatisierungen? Wir müssen das alles sehr konkret und sehr grundlegend immer wieder fragen und erklären und eben auch andere Verhaltensmuster aufzeigen, so wie wir miteinander leben wollen und können.
taz FUTURZWEI: Lassen Sie uns in die Falle tappen und sagen, wir gehören zu den Männern, die sich gerne einreden, dass wir eine liberal-emanzipatorische Gesellschaft sind, die enorme Fortschritte gemacht hat nach dem Barbarismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zum Beispiel schlagen wir unsere Kinder nicht mehr. Wir müssen uns aber dem stellen, dass wir unsere Frauen immer noch schlagen und dass Sie jetzt sagen, das ist systemisch und aus einem patriarchalen System heraus, zu dem wir auch gehören. Verstehen wir das richtig?
Christina Clemm: Ja, das verstehen Sie richtig. Dieses Beispiel, dass wir unsere Kinder nicht mehr schlagen, stimmt natürlich auch nicht ganz. Viele Kinder werden noch misshandelt, aber es hat da tatsächlich einen Wandel gegeben, dass es zumindest in der Öffentlichkeit nicht mehr ganz so anerkannt ist, wenn man Kinder körperlich züchtigt. Das heißt ja aber noch lange nicht, dass respektvoller Umgang mit Kindern gelehrt würde. Alles, was an Kinderschutz da ist, wird auch gerade gekürzt. Und wenn wir gerade Männlichkeitsbilder sehen, die wieder zunehmend gewaltvoll sind, dann bedeutet das natürlich auch, dass Kindern wieder beigebracht wird, dass Gewalt okay ist, okay im Miteinander, aber auch im Verhältnis von Eltern und Kindern.
„Wir sehen ja seit vielen Jahren eine Zunahme von geschlechtsbezogener Gewalt, die ein wichtiger stabilisierender Faktor ist für die patriarchale Struktur.“
taz FUTURZWEI: Die patriarchalen Verhältnisse haben sich nie geändert?
Christina Clemm: Nein. Es haben sich bestimmte Dinge geändert, bestimmte Gesetze, Frauen dürfen mittlerweile einen Arbeitsvertrag unterschreiben, ohne ihren männlichen Vormund oder ihren Ehemann zu befragen, sie dürfen eigene Konten und eigenes Geld haben, sie dürfen sich auch scheiden lassen, Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar, aber insgesamt haben sich die patriarchalen Verhältnisse nicht wirklich geändert. Wir sehen ja seit vielen Jahren eine Zunahme von geschlechtsbezogener Gewalt, die ein wichtiger stabilisierender Faktor ist für die patriarchale Struktur.
taz FUTURZWEI: Weil?
Christina Clemm: Weil das Frauen hemmt, tatsächlich gleichgestellt zu sein. Das eine ist die ausgeübte Gewalt, die Bestrafung durch Gewalt, wenn eine Frau aus einer Ehe ausbricht, wenn eine Frau sich anders verhält als es das Geschlechterstereotyp vorsieht, sich anders bewegt, in der Stadt, nachts etwa. Entweder erleben Frauen tatsächlich Gewalt oder sie müssen jedenfalls Angst davor haben, Gewalt zu erfahren. Und wenn sie diese Gewalt erleben, dann werden sie dafür auch noch beschämt, weil sie angeblich zu naiv waren und sich nicht hinreichend geschützt haben. Das stabilisiert die männliche Vorherrschaft.
taz FUTURZWEI: Blaming the Victim ist gerade bei sexualisierter Gewalt ein habitualisiertes Phänomen?
Christina Clemm: Ja. Ich will erstmal nicht auf die strafrechtliche Schiene gehen, denn einige Handlungen sind nicht strafbar und dennoch verwerflich. Nehmen wir die #MeToo-Fälle der letzten Jahre. Wenn Frauen hören müssen, man wisse doch, was backstage passiert, sie seien ja blöd und naiv, weil sie hingegangen seien. Wenn die Frau zu dem Regisseur aufs Hotelzimmer geht, sei doch klar, dass dieser Sex wolle. Sie wisse doch, was passiert, wenn sie den zu kurzen Rock trägt, nachts durch den Park geht oder wenn sie sich einen solchen Mann aussucht.
taz FUTURZWEI: Die Logik ist: Was der Mann macht, ist halt so, deshalb sollte die Frau nichts machen, was dazu führen kann?
Christina Clemm: Genau. Im Gericht höre ich immer mal wieder vom sogenannten Auswahlverschulden, dass die Frauen also selbst schuld sind, wenn sie sich einen Mann oder einen Partner gesucht haben, der eine bestimmte Herkunft hat, der vielleicht auch stark und kräftig ist, der ein bestimmtes männliches Verhalten zeigt. Und dann wird der Frau zumindest eine Mitschuld gegeben, wenn sie sich diesen Mann ausgesucht und ihn nicht sofort verlassen hat, als er das erste Mal gewalttätig wurde.
„Wir sollten uns auf alles gleichzeitig konzentrieren. Natürlich müssen wir dem autoritären rechtsextremen Rollback etwas entgegensetzen.“
taz FUTURZWEI: Wir haben ein Rollback, mit dem rechtspopulistische Parteien Kundschaft generieren, indem sie ein entschieden patriarchales Männlichkeitsbild propagieren. Aus Ihrer Sicht ist das aber nicht das entscheidende Problem, sondern das sind wir, also die liberal-emanzipatorisch-sein-wollenden Männer. Wie gehen wir das an? Konzentrieren wir uns auf Rechtsböse, damit wir fein raus sind?
Christina Clemm: Wir sollten uns auf alles gleichzeitig konzentrieren. Natürlich müssen wir dem autoritären rechtsextremen Rollback etwas entgegensetzen. Die Rechtsextremen treiben den Antifeminismus voran. Aber was wir in der CDU sehen, ist auch ein antifeministischer Rollback und der geht bis weit in die Gesellschaft hinein. Gleichzeitig müssen wir aber auch in unseren eigenen Reihen gucken, denn geschlechtsbezogene Gewalt gibt es auch hier. Fortschrittliche Männer sollten sich auch längst dafür zuständig fühlen, endlich aktiv gegen geschlechtsbezogene, patriarchale Gewalt einzutreten.
taz FUTURZWEI: Was ist die Methode? Wir haben diese Antibewegungen, Antifaschismus, Antirassismus, Anti-Antifeminismus, ja super, aber das ist ja keine Methode, um Menschen zu überzeugen, die in anderen Strukturen denken und leben.
Christina Clemm: Die Methode ist, sich selbst zu hinterfragen und die politische Dimension zu verstehen: Inwiefern profitieren ich und andere von patriarchalen Strukturen, inwiefern beschäftige ich mich selbst mit der geschlechtsbezogenen Gewalt, inwiefern spreche ich mit anderen Männern darüber, warum nehmen wir hin, wie massiv und weit verbreitet die geschlechtsbezogene Gewalt ist, was können wir tun? Ganz basic: Sage ich bei jedem sexistischen Witz, nee, das ist überhaupt nicht in Ordnung? Gucke ich darauf, wie mein Umfeld mit Sexismus umgeht? Wann spreche ich andere Personen an und sage ihnen, das ist nicht in Ordnung, wie fördere ich antisexistische Strukturen? Männer sprechen viel zu wenig miteinander darüber, wie sie sich selbst verhalten und was sie ändern können, wie sie mit möglichen eigenen Grenzüberschreitungen umgehen.
taz FUTURZWEI: Jette Nietzard war kurze Zeit Bundesvorsitzende der Grünen Jugend und sagte als solche, dass die Unschuldsvermutung vor Gericht gelte, aber nicht in ihrer Partei gelten dürfe. Das bedeutet: Jeder, der beschuldigt wird, ist Täter.
Christina Clemm: Die Unschuldsvermutung ist etwas, was wir aus dem Strafprozess kennen und brauchen. Wenn der Staat sein härtestes Mittel anwenden will, einem Menschen die Freiheit zu nehmen oder andere Strafen zu erlassen, dann muss die Unschuldsvermutung selbstverständlich gelten. Es kann aber gesellschaftlich nie ausreichen, das Problem der Strafjustiz zu überlassen, ein Problem erst dann anzuerkennen, wenn es eine strafrechtliche Verurteilung gibt. Das Strafrecht ist, wie das gesamte Rechtssystem zutiefst patriarchal geprägt. Deutlich wird dies etwa bei den presserechtlichen und äußerungsrechtlichen Verfahren. Frauen wird es verunmöglicht, über sexualisierte Gewalt zu sprechen, Täter profitieren davon.
„Frauen, die es wagen auszusprechen, sie seien Opfer sexualisierter Gewalt geworden, bekommen sofort einen Maulkorb durch Unterlassungserklärungen und Strafandrohungen. Sie dürfen oft überhaupt nicht mehr darüber reden, Aufklärung wird verunmöglicht.“
taz FUTURZWEI: Das ist die eingeübte Strategie des Patriarchats?
Christina Clemm: Ja. Frauen, die es wagen auszusprechen, sie seien Opfer sexualisierter Gewalt geworden, bekommen sofort einen Maulkorb durch Unterlassungserklärungen und Strafandrohungen. Sie dürfen oft überhaupt nicht mehr darüber reden, Aufklärung wird verunmöglicht. Das ist natürlich eine fatale Entwicklung. Wir müssen über diese Vorwürfe miteinander sprechen können. Natürlich gibt es auch Menschen, die die Unwahrheit sagen, aber bei sexualisierter Gewalt nicht in größerem Maße als sonst. Deswegen muss man einen Verdacht äußern können, wir müssen das miteinander verhandeln und dürfen dies nicht ausschließlich einem Strafprozess überlassen. Schon deshalb nicht, weil nicht alle sexualisierte Gewalt strafbar ist. Es wird dieses Schreckgespinst der falschen Verdächtigung aufgebaut, als müsste ein jeder Mann immer befürchten, durch einen falschen Vorwurf vernichtet zu werden.
taz FUTURZWEI: Stimmt nicht?
Christina Clemm: Nur in sehr seltenen Fällen, wie bei anderen Falschbeschuldigungen auch. Wenn, dann ist es selbstverständlich schlimm und darf nicht geduldet werden. Aber in der Regel ist es genau umgekehrt, Männer werden beschuldigt und es geschieht nichts. Selbst wenn sie Taten einräumen oder verurteilt werden, verlieren sie nicht ihr Ansehen, ihre Karrieren oder Ähnliches. Sehen Sie sich nur Trump an.
taz FUTURZWEI: Von all den Männern, die zum Netzwerk des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein gehören, sitzt kein einziger im Gefängnis. Das ist irre.
Christina Clemm: Ja. Nicht nur in den USA, auch hier wird nicht ordentlich ermittelt, werden Netzwerke nicht aufgedeckt und müssen Betroffene Sorge haben, wenn sie es wagen, sich zu äußern.
taz FUTURZWEI: Welcher Form von Gesetzesnovellierung bedarf es, um die Situationen zu ändern? In Spanien ist es einfacher für Frauen, sich zu wehren.
Christina Clemm: Das spanische Modell beinhaltet eben nicht nur bestimmte Strafgesetze oder familienrechtliche Regelungen: Das ist ein Gesamtkonzept, das mit Gesetzen, mit Kampagnen, mit Förderung von bestimmten Schutzeinrichtungen, aber eben auch Bildungsangeboten, verpflichtenden Fortbildungen arbeitet. Dort wurde verstanden, dass die geschlechtsbezogene Gewalt ein gesellschaftliches Problem ist, das auf allen Ebenen bekämpft werden muss. Es als Gesamtproblem ganz oben in der Politik anzusiedeln, das hat Spanien verändert. Wenn man jetzt unsere Justizministerin ansieht, ...
taz FUTURZWEI: ... die SPD-Politikerin Stefanie Hubig …
Christina Clemm: ... sie macht richtige Gesetzentwürfe, aber das kann nicht reichen. Es hilft nichts, die „Nur Ja heißt Ja“-Regelung im Sexualstrafrecht einzuführen, aber gleichzeitig nicht die Staatsanwaltschaften besser auszustatten, keine Gelder für Aufklärungskampagnen zu vergeben und Präventionsarbeit in diesen Bereichen zu streichen. Das macht überhaupt keinen Sinn.
„Wir brauchen schnelle Strafen, schnelle Konsequenzen. Wir müssen aber eben vor allem in Prävention Geld stecken. Vor die Gewalt kommen. Und dieses Geld wird ja überhaupt nicht bereitgestellt, sondern gestrichen.“
taz FUTURZWEI: Die Fußfessel?
Christina Clemm: Die Fußfessel wird Männer nicht grundsätzlich davon abhalten, ihre Frauen zu töten. Vielleicht und hoffentlich verhindert sie in ein paar wenigen Fällen, dass ein paar Frauen nicht schwerste Gewalt erleben müssen. Die Fußfessel wird immer nur im Ausnahmefall angelegt werden können. Und auch härtere Strafen bringen nichts. Die generalpräventive Wirkung von höheren Strafandrohungen ist gleich null. Wir brauchen schnelle Strafen, schnelle Konsequenzen. Wir müssen aber eben vor allem in Prävention Geld stecken. Vor die Gewalt kommen. Und dieses Geld wird ja überhaupt nicht bereitgestellt, sondern gestrichen. Wir brauchen Gewaltprävention in Kitas, Schulen, Ausbildungsstätten, Universitäten. Wir müssen schon Kindern erklären, dass es nicht in Ordnung ist, wenn der Vater die Mutter schlägt und dass nicht sie schuld daran sind.
taz FUTURZWEI: Jede dritte in Deutschland lebende Frau erlebt sexualisierte oder körperliche Gewalt, nur 2,7 Prozent der Betroffenen zeigen den Partner an, bei sexualisierter Gewalt 3 Prozent. Sie sagen ihren Mandantinnen auch, sie sollten nicht von einer Verurteilung ausgehen?
Christina Clemm: Erstmal muss man feststellen, dass es für Frauen offensichtlich keine Option ist, sich an den Staat zu wenden. Es gibt kein Vertrauen. Ich rate niemandem von einer Anzeige ab, ich sage aber immer: Wenn Sie nur unter der Bedingung Anzeige erstatten, dass er am Ende verurteilt wird, dann würde ich es lassen. Ein Ermittlungs- und Strafverfahren ist ein mühsamer Weg mit vielen Zumutungen und meist werden die Beschuldigten nicht verurteilt. Aber es gibt auch andere Gründe für Betroffene, Strafanzeigen zu erstatten. Etwa, weil sie hoffen, dass ihre Kinder oder andere vor ihm geschützt werden, weil sie wollen, dass er weiß, dass er sie nicht mundtot gemacht hat, weil er vielleicht kurz Sorge vor einer Verurteilung hat.
taz FUTURZWEI: Das ist eine starke Motivation?
Christina Clemm: Ja. Viele Betroffene geben sich selbst schuld, dass sie hätten verhindern müssen, dass eine Nächste verletzt wird. Manche sagen auch, ich kann doch hier nicht als Feministin in der Öffentlichkeit stehen und selbst diese Gewalt erlebt haben und schweigen.
taz FUTURZWEI: Vertreten Sie auch bundesdeutsche Frauen, die aus islamisch geprägten Kulturen kommen und ihren Mann anzeigen?
Christina Clemm: Ja.
taz FUTURZWEI: Unsere Unterstellung ist, das sind ganz wenige.
Christina Clemm: Ich habe ja mein Büro in Kreuzberg. Direkt auf der Grenze zu Neukölln. Ich vertrete Menschen verschiedenster Herkünfte, die dort in dem Umkreis leben, aber auch bundesweit. Ich vertrete Frauen, die in Obdachlosenunterkünften leben, die anschaffen gehen, die alleinerziehend mit sehr wenig Geld sind, Frauen, die viel Gewalt auf der Flucht erfahren haben, aber auch Frauen, die in Zehlendorf in einer Villa leben, die selbst Vorstände von irgendwelchen Unternehmen sind oder in der Öffentlichkeit stehen. Es ist wirklich der Durchschnitt der Bevölkerung. Und die Täter sind es auch.
taz FUTURZWEI: Beim Rätseln über die AfD reden wir kaum darüber, dass diese Partei zu großen Teilen von Männern gewählt wird. Besonders in ländlichen Gebieten Ostdeutschlands, weil viele Frauen dort weggegangen sind. Die ganzen Social-Media-Plattformen sind auch alles Männerunternehmen. Kriegt man für das Problem größere Aufmerksamkeit, wenn man die Optik mal weiter aufmacht?
Christina Clemm: Ich würde das sagen, und es ist richtig. Wenn ich Vorträge zu Antifeminismus halte, dann kommen durchaus auch mal linke Männer. Antifeminismus, Rechtsextremismus, geschlechtsbezogene Gewalt – inwiefern sind das wichtige Bestandteile des Rechtsextremismus? Man muss Rassismus, Klassismus und Antifeminismus natürlich zusammen diskutieren und kommunizieren. Wer sind die Tech-Unternehmen und wie stützen sie das Patriarchat, welche Bündnisse gibt es, womit finden sie zueinander? Wie werden Feministinnen und queere Menschen unterdrückt und gesilenced von diesen und sind frauenverachtende Erzählungen essenziell?
„Es ist meist nicht der fremde Mann, sondern schlicht der eigene. Diese Gewalt gibt es in allen Gesellschaftsschichten.“
taz FUTURZWEI: Gibt es religiös-kulturelle Strukturen, die besonders fatal für Frauen sind?
Christina Clemm: Wer das Phänomen geschlechtsbezogener Gewalt dadurch erklärt, dass wir islamistisch geprägte Parallelgesellschaften hätten, die schuld daran seien, will das Problem nicht bekämpfen, sondern Rassismus schüren. Es ist meist nicht der fremde Mann, sondern schlicht der eigene. Diese Gewalt gibt es in allen Gesellschaftsschichten.
taz FUTURZWEI: In unserem anderen Gespräch sagt Güner Balcı, das sei eine typische Strategie von linksgrünen Milieus, das Problem als „antimuslimischen Rassismus“ wegzuschieben.
Christina Clemm: Es ist jetzt nicht so, dass Islamisten feministisch sind, im Gegenteil, sie sind massiv antifeministisch. Aber es ist nicht der muslimische Glaube. Die Tech-Milliardäre sind auch anti-feministisch, die AfD ist es, die MAGA-Bewegung. Ich will gar nicht abstreiten, dass bestimmte patriarchale Verhältnisse das Problem verstärken und wir diese sehen und bekämpfen müssen. Aber nicht nur diese. In den Frauenhäusern befinden sich überproportional viele migrantische und ökonomisch prekär lebende Frauen.
taz FUTURZWEI: Warum ist das so?
Christina Clemm: Die wohlhabende weiße deutsche Frau geht nur im Ausnahmefall in ein Frauenhaus. Sie wird sich eher auf der Flucht vor ihrem Mann eine Ferienwohnung, ein Hotel oder Unterschlupf bei Verwandten oder Bekannten suchen. Sie hat ein ganz anderes Netz als die Frau, die unter beengten Verhältnissen in einer Geflüchtetenunterkunft oder mit ihrer Familie in einer kleinen Wohnung lebt, die kein familiäres Umfeld hat, das sie unterstützen kann und auch kein eigenes Geld, um sich einen Fluchtort zu leisten. In der letzten Mitte-Studie kam heraus, dass eher in den höheren gesellschaftlichen Schichten antifeministische Thesen weitergetragen werden.
taz FUTURZWEI: Sind Collien Fernandes und auch Gisèle Pelicot für Sie Role Models und Changemaker?
Christina Clemm: Man muss schon auch sehen, dass alle Frauen, die sich namentlich so öffentlich äußern können, sehr gute Bedingungen haben, um sich zu äußern. Man kann sie schlecht anzweifeln und kaum beschämen. Bessere Beweise als bei Pelicot sind kaum vorstellbar und dennoch hat man versucht, sie zu diskreditieren. Am Ende konnte man nicht behaupten, dass sie die Taten auch wollte, dass sie unvorsichtig gewesen sei, selbst schuld. Das sind aber Ausnahmefälle. Aber ja, diese öffentlich werdenden Frauen haben etwas verändert. Ich begleite seit vielen Jahren Vergewaltigungsprozesse, fast immer haben wir dafür die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Mittlerweile habe ich viele Mandantinnen, die das nicht wollen, die in der Öffentlichkeit über die widerfahrene Gewalt sprechen. Man soll sehen und darüber berichten, was ihnen widerfahren ist und wer die Täter sind.
taz FUTURZWEI: Bundeskanzler Friedrich Merz steht Pars pro Toto für den Mann in der Mitte der Gesellschaft, der nicht versteht, was das Problem ist und dann einfach sagt: Was wollt ihr, ich habe doch auch eine Frau und zwei Töchter?
Christina Clemm: Nein, Merz versteht nicht nur das Problem nicht, sondern er ist ignorant. Genau diese Ignoranz beinhaltet ja Frauenhass genauso wie Rassismus. Zu sagen, ich sehe keinen Rassismus können Weiße, die nicht von Rassismus betroffen sind. Und genau so macht das Merz. Im Grunde sagt er: Das Problem gibt es doch gar nicht oder nur von den fremden Männern. Meine Töchter und meine Frau haben es immer gut bei mir, ich kann gar kein Antifeminist sein. Er ignoriert nicht nur, was so viele Betroffene berichten, sondern nutzt geschlechtsbezogene Gewalt für seinen Rassismus.
Integrationsbeauftrage über Männergewalt
Wozu Männer, Güner Balcı?
Im Sog der Manosphere
Maximale Männlichkeit
Zwischen Heterofatalismus und Tradwives
Haben Frauen Männer aufgegeben?
taz FUTURZWEI: Ihr zentraler Satz: Antifeminismus ist der Kitt, der religiöse Fanatiker und Rechtsextreme mit der Mitte der Gesellschaft verbindet. Wenn das so ist: Mit wem wird denn dieses Problem gelöst? Ich muss das doch mit mir und anderen Männern in der Mitte der Gesellschaft lösen.
Christina Clemm: Ja, Männer müssen aktiv gegen Antifeminismus eintreten. Warum distanzieren sich angeblich fortschrittliche Männer nicht schon längst von patriarchaler Gewalt und verstehen, wie wichtig diese für das bestehende System ist. Warum wollen sie nicht längst selbst nicht mehr der Kitt sein, nicht mitmachen, nicht profitieren, sondern endlich etwas verändern, um für eine wirklich freie und offene Gesellschaft einzustehen.
🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe taz FUTURZWEI N°38 mit dem Titelthema „Wozu Männer?“ Hier bestellen im taz Shop.