DEZEMBER: KEIN PLATZ FÜR EINSEITIGKEITEN – DIE EU WILL WACHSEN

Endlich geht der Blick nach Osten

Der unebene Schotterweg, der von der litauischen Hauptstadt Vilnius nach Gdańsk (Danzig) führt, macht ruhiges Dösen unmöglich. Über zwölf Stunden braucht der Linienbus, um auf dieser Hauptverkehrsader zwischen Polen und Litauen entlangzukriechen. Die Polen neben uns trinken Wodka aus Thermoskannen und singen die halbe Nacht. Das Klo im Bus ist kaputt. Für Polnischsprechende wird schon mal angehalten, der Rest versucht mit mentalem Training, dem Harndrang entgegenzuwirken. An der Grenze Kontrollen, als kämen wir nicht aus Litauen, sondern aus Kolumbien. Zwei Stunden Zeit sind im Linienbusverkehr für den Aufenthalt an der Grenze regulär eingeplant.

Das ist eine Seite von Osteuropa.

Die Kirchtürme der schmuckstarren Altstädte von Tallinn, Riga und Vilnius ragen in den klaren nördlichen Himmel, majestätische Frachtschiffe driften finnlandwärts an uns vorbei. Erstaunlich viele Passanten, die wir ansprechen und die keine Touristen zu sein scheinen, sprechen Englisch, Deutsch oder Französisch. Die landesübliche, etwas deftige Küche, serviert in rußgeschwärzten lauten Stuben, erinnert uns an zu Hause, auch die mächtigen Stadtmauern sind uns seltsam vertraut, und auf einmal müssen wir an unsere ersten Lieben denken, mit denen wir früher unsere zittrigen Initialen an alte Gemäuer schmierten. Das ist eine andere Seite Osteuropas.

Welche verbindenden Gemeinsamkeiten in Europa durch die Osterweiterung betont, welche Unterschiede eingeebnet, nivelliert werden, bleibt abzuwarten. Dennoch: Als sich 1995 die EU mit dem Beitritt von Schweden, Finnland und Österreich – nach dem Mauerfall, nach Aufhebung der Teilung Europas in zwei hegemoniale Einflusssphären – als reine Weststaaten-Allianz gerierte, berührte dies manchen schon sehr seltsam. Der Blick ging immer noch nicht nach Osten. Darum ist es sehr zu begrüßen, dass die Erweiterung nun konkret wird. TANJA DÜCKERS